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Ich liebe diese Menschen

Bahnhofsmissionen gibt es in jeder größeren Stadt. Wer arbeitet dort? Wer geht dort hin und was tun diese Institutionen, die es seit mehr als hundert Jahren gibt, eigentlich? Hier der Versuch einer Antwort.

 

Samstagmorgen kurz vor neun, leichter Nieselregen. Rund zehn Gäste stehen vor der Tür der Bochumer Bahnhofsmission und warten auf Einlass. Punkt neun dreht sich der Schlüssel, eine große, kräftige Frau öffnet. Zwei große Körbe mit Brot vom Vortag stehen links auf dem Tresen, daneben Freiexemplare der WAZ. In einem Regal stapeln sich Kaffeepackungen bis unter die Decke. Am Tresen vor Kopf fragt eine weitere Mitarbeiterin den ersten Gast, ob er Kaffee oder Tee möchte. Kaffee mit Milch und Zucker. Die Mitarbeiterin trägt den Gast mit seinem richtigen Namen oder einem Pseudonym in eine Anwesenheitsliste ein und rührt dann seinen Kaffee um. Der Kaffee ist kostenlos. Der Gast bedankt sich, fischt ein Stück Brot aus dem Korb und nimmt an dem kleinen Ecktisch Platz. Die Gäste sehen heute durch die Bank weg bedürftig aus: Hartz IV-Empfänger, Obdachlose, alte und junge Menschen, die irgendwie durch das Raster der Gesellschaft gefallen sind.

 

Ich habe die Rote Armee überlebt“

Die erste Bahnhofsmission, auch Bahnhofssozialdienst genannt, wurde 1894 in Berlin gegründet, gedacht als Anlaufstelle für Reisende. Die Institution war besonders wichtig für Frauen, die im Zuge der Industrialisierung in die Städte drängten, auf der Suche nach Unterkunft und Arbeit. Nach dem 2. Weltkrieg kam Frau S., wie Tausende weiterer Flüchtlinge, auf dem Bochumer Bahnhof an. Für die gebürtige Ostpreußin war die Bahnhofsmission die erste Anlaufstelle. Sie blieb ihr als ehrenamtliche Mitarbeiterin treu. „Ich habe die Rote Armee überlebt, mich kann nichts mehr erschüttern“, so die heute 88-Jährige. Sie ist seit über fünfzig Jahren mit dabei, denn sie will etwas zurückgeben, von der Unterstützung, die sie damals erhalten hat. Offenbar gibt es viel zu tun, denn die Bochumer Bahnhofsmission hat zwei fest angestellte Mitarbeiterinnen, zwei in Teilzeit und neben zwei 1-Euro-JoberInnen cirka zwanzig ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Die Bahnhofsmissionen in Deutschland bieten ihre Hilfe grundsätzlich jedem Menschen anonym und kostenlos an und meist zu Tageszeiten, an denen andere soziale Hilfen nicht verfügbar sind.

Die Funktion der Anlaufstelle für Reisende erfüllt die Einrichtung auch heute noch, wenngleich es in erster Linie nicht mehr nur die Reisenden sind, um die man sich dort kümmert. Als ebenfalls ehrenamtliche Mitarbeiterin steht Marion Kamerau (55) dort samstags hinter dem Tresen. Auf eine Anzeige im „Stadtspiegel“ kam sie 2009 zur Bahnhofsmission. Schon die Schnupperstunde, die sie dort absolvierte, war bezeichnend. „Eine junge Frau, offensichtlich völlig zugedröhnt, saß am Tisch und kotzte zur Begrüßung auf die Tischplatte“, erinnert sich die Helferin lachend. Das ist zum Glück die Ausnahme, aber trotzdem muss man schon hart im Nehmen sein. In den drei Jahren wurde sie einmal angespuckt und einmal bedroht. „Leider sind manchmal schlimme Freaks dabei, die in der Regel dann auch Hausverbot bekommen. Trotzdem, ich liebe diese Menschen“, so Kamerau, „denn sie sind ehrlich – in ihrer ganzen Not. Und letztlich kann jeder in diese Situation kommen.“ Es sind Menschen, die meist eine Zäsur in ihrem Leben erlebt haben, einen Schicksalsschlag, wie etwa den Verlust eines Menschen und/oder die eine psychische Erkrankung entwickelt haben.

 

Die Gesellschaft lässt Menschen nicht so sein, wie sie sind

Unter den Gästen sind hochintelligente Menschen, die Abitur oder sogar ein Hochschulstudium absolviert haben. Aber die Gesellschaft ist mit ihnen nicht klar gekommen. Sie werden abgelehnt, weil sie so sind, wie sie sind, ist die Ehrenamtliche überzeugt. „Ich trete den Menschen vorbehaltlos entgegen und deshalb mache ich den Job auch gern“, sagt sie. Viele Leute unterstützen die Bahnhofsmission und geben dort Nahrungsmittel ab, die von Feiern übrig geblieben sind. Selbst die Polizei brachte schon Lunchpakete vorbei. Auch Kaffee, Kekse oder Kleidung werden abgegeben. Je nach Wetterlage versorgt die Bahnhofsmission zwischen dreißig und hundert Gäste täglich. Deren Leben dreht sich oftmals zwischen Suppenküche, Bahnhofsmission und Tagesaufenthalt in der Stühmeyer Straße. Die Gäste werden immer jünger, aber auch immer älter. Kids, die von zu Hause oder aus dem Heim abgehauen sind, alleinstehende ältere Frauen, aber auch Mütter mit Kindern. Viele haben wohl nie daran gedacht, dass sie dort einmal landen würden. Marion Kamerau nennt die Einführung von Hartz IV als einen der möglichen Gründe, warum die Zahl der bedürftigen Gäste so stark zugenommen hat.

 

Von Lebensgefährtin ausgesperrt

Aber es sind natürlich nicht nur die von der Gesellschaft Ausgestoßenen, die hier versorgt werden“, versichert Kamerau und erzählt von dem Zwölfjährigen, der allein aus einem Ferienlager im Rheinland zurück nach Hamburg wollte. Er strandete in Bochum, weil er den falschen Zug genommen hatte. Auch sein Ticket war nicht mehr gültig. Marion Kamerau telefonierte mit der Mutter und kümmerte sich um seine Weiterfahrt. Auch Frauen auf dem Weg ins Frauenhaus fanden in der Bahnhofsmission schon einen Interimsaufenthalt. „Die unglaublichsten Dinge passieren selbstverständlich immer samstags kurz vor Arbeitsschluss“, erzählt die Helferin, „einmal brachte die Polizei einen völlig verzweifelten Mann. Er hatte Herzbeschwerden und war von seiner Lebensgefährtin einfach ausgesperrt worden. Von jetzt auf gleich hatte er keine Bleibe mehr. Ich besprach mich mit der Polizei und gemeinsam überlegten wir, was zu tun sei. Am Ende lieferte die Polizei den Obdachlosen wegen seiner Herzbeschwerden ins Krankenhaus ein, um so erstmal das Wochenende ohne Bleibe zu überbrücken“, berichtet Kamerau. Auch Blinde machen einen Großteil der hilfebedürftigen Reisenden aus. Und Kinder. „Es gibt sehr viele Kinder, deren Eltern sich getrennt haben und die in verschiedenen Städten leben. Diese 'Kids on tour' fahren meist freitags zu einem Elternteil und sonntags zurück nach Hause. Wir nehmen die Kinder dann in Empfang und übergeben sie auch wieder an die Eltern.“

Dieser Samstag in der Bahnhofsmission geht glücklicherweise ohne größere Zwischenfälle vorbei. So kann sich Marion Kamerau, die neben ihrem Vollzeitjob noch eine weitere ehrenamtliche Tätigkeit im Hospiz ausübt, auf ein ganz entspanntes Wochenende freuen. (ke)

Ausgabe 11-12

Bahnhofsmissionen gibt es in jeder größeren Stadt. Wer arbeitet dort? Wer geht dort hin und was tun diese Institutionen, die es seit mehr als hundert Jahren gibt, eigentlich? Hier der Versuch einer Antwort.

 

Video - Das Gesicht 2010

Video - Das Gesicht 2009