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»Ich fühlte mich wie eine kaputte Puppe«

Sie ist jung. sie ist verliebt. sie ist erfolgreich. und sie ist unglücklich. der zusammenbruch kommt, als sie 27 ist. Burnout. In einer psychosomatischen klinik wird ihr geholfen. Über ihre zeit in der „klapse“ hat eva lohmann ein buch geschrieben: 8 wochen verrückt

Ich habe mich gefühlt wie eine kaputte Puppe, die zu nichts mehr zu gebrauchen ist“, sagt Eva Lohmann und streicht sich eine blonde Strähne von ihren Sommersprossen. Sie lächelt ein wenig schüchtern. „Ich bin froh, dass dein Fotograf doch nicht dabei ist“, sagt sie dann. Zuviel Aufmerksamkeit würde das auf sie lenken, schließlich ist das Café, in dem wir uns treffen, voll besetzt. Obwohl die 30-jährige Jungautorin eigentlich langsam daran gewöhnt sein müsste, im Mittelpunkt zu stehen. Seit ihr Roman „8 Wochen verrückt“ im Februar erschienen ist, platzt ihr Terminkalender. Lesereisen, Interviews, Filmtermine... „Mit soviel Trubel habe ich nicht gerechnet“, sagt sie. Doch ihr Buch spricht vielen aus der Seele. Acht Wochen verrückt ist die Geschichte von Milas Zusammenbruch. Burn Out. Ein Thema, das bewegt. In einer Zeit, in der man funktionieren muss, um mitzuhalten, haben Depressionen Konjunktur. Die Zahlen sprechen für sich: Circa vier Millionen Menschen in Deutschland leiden bereits unter Depressionen, Tendenz steigend. Die Fehlzeiten am Arbeitsplatz wegen einer psychischen Erkrankung haben seit 1998 um mehr als 75% zugenommen und stehen laut einer repräsentativen Umfrage der BKK mit 10 Prozent aller Krankentage auf dem vierten Platz. Vor rund 30 Jahren tauchten sie in den Statistiken kaum auf (1976: 2 %).

 

»Gummibären mag ich gar nicht. Ich steh‘ auf Schokolade.«

In der Klinik ist dein Buch der heißeste Lesetipp“, sagt die Frau vom Nebentisch, die unser Gespräch verfolgt hat. Sie muss es wissen, schließlich war sie selbst gerade acht Wochen verrückt und in der gleichen Einrichtung wie Eva Lohmann, die für ihr Buch in die Rolle der Mila geschlüpft ist. Die Jungautorin schlägt ungläubig die Hände vor den Mund. „Das ist so unvorstellbar. Mit meinem Buch komme ich so vielen Menschen so nah, dabei kenne ich die gar nicht. Es fühlt sich merkwürdig an“, sagt sie. 12.000 Exemplare wurden in den vergangenen Wochen verkauft. Eine Menge für eine Autorin, die noch nie zuvor ein Buch veröffentlicht hat. Die es auch gar nicht geplant hatte. „Das hat sich von ganz allein entwickelt“, sagt Eva Lohmann und erzählt vom Zufall. „Ich hatte ein paar Journalistenfreunde einige Passagen meines Tagebuchs lesen lassen und gedacht, die würden mir das um die Ohren hauen“, erzählt sie etwas schüchtern. Kurze Zeit später waren schon zwei Verlage an dem Buch interessiert. Eva Lohmann entschied sich für Piper. „Dass es geklappt hat, kann ich gar nicht glauben. Ich hatte mich ganz ungehörig per Mail gemeldet und dann auch noch den Namen des Verlags mit i-e geschrieben“, sagt sie und schämt sich dafür immer noch. Bei Piper sah man es ihr offenbar nach.

Zehn Seiten hatte Eva Lohmann bis dahin erst von ihrem Buch zusammen. Ein Jahr lang schob die gelernte Inneneinrichterin anschließend die Worte hin und her, bis sie perfekt zusammen passten und das Buch fertig war. Sie habe zwar ein autobiografisches Buch geschrieben, aber ein paar Dinge habe sie – wie es sich für einen Roman gehöre – erfunden, erzählt sie. Die Figuren zum Beispiel habe sie zum Schutz der Persönlichkeitsrechte ein wenig verfälscht. Eva Lohmann muss lachen. „Die schlimmste Erfindung war meine Sucht nach Gummibärchen“, sagt sie und erzählt von der Flut an bunten Bärchen, die sie seitdem erreicht. „Dabei mag ich die gar nicht, ich steh auf Schokolade.“

 

»Aufstehen, arbeiten, ins Bett gehen. Viel mehr war da nicht.«

Ein Schokoladeschlecken war die Zeit, über die sie schreibt, jedenfalls nicht. Eva Lohmann war damals 27, in einer glücklichen Beziehung, ausgebildete Werbetexterin und Inneneinrichterin, dies sogar mit einem festen Job in der Tasche. Obendrauf kam dann auch noch die Beförderung inklusive Gehaltserhöhung. „Nach so was lecken sich doch schon zehn andere die Finger“, sagt Eva Lohmann. „Da muss man doch glücklich sein.“ Doch Eva Lohmann war es nicht. Sie fühlte sich überfordert. Nicht vom Job. Sondern von der Situation. „Ich wollte eigentlich nie eine Festanstellung“, sagt sie. Viel lieber wollte sie frei sein. „Doch das hätte ich mich nie getraut, schon gar nicht in der Wirtschaftskrise. Ich hatte gedacht, das gehört nun mal zum Erwachsenwerden dazu.“ Hinzu kam: Eva Lohmanns Eltern, beide sehr erfolgreich, waren stolz auf den beruflichen Werdegang ihrer Tochter. Was sie nicht wussten: Damit stellten sie unbewusst hohe Ansprüche. „Die hatte ich als Perfektionistin ohnehin“, sagt Eva Lohmann. „Das ist keine Rechenaufgabe: mein Zusammenbruch war programmiert.“

Er kam schleichend. Wochenlang quält sich Eva Lohmann mit Kopfschmerzen aus dem Bett und schleppt sich ins Büro. „Aufstehen, arbeiten, ins Bett gehen. Viel mehr war da nicht.“ Eva Lohmann zieht sich zurück, fährt ihr Leben auf ein Minimum herunter und schluckt Tabletten, um überhaupt noch weitermachen zu können. Freunde, Verabredungen – der 27-Jährigen wird alles zuviel. Immer öfter sagt sie Verabredungen ab, geht nicht mehr auf Partys, wird irgendwann auch gar nicht erst gefragt. Eine Erleichterung. „Ich wollte nur noch ins Bett und die Decke über den Kopf ziehen.“

 

»Der Tag, an dem ich in die Klapse komme, ist ein Donnerstag«

Ihr letzter Arbeitstag beginnt wie jeder andere. Zäh und schwerfällig. Plötzlich scheint jemand einen Hebel umzulegen: Eva Lohmann schaltet ab. Starrt stundenlang auf den Rechner, auf dem schon seit einiger Zeit Aquariumfischchen über den Bildschirm schwimmen. Dann schaltet sie auch ihn ab und geht. Aufs Sofa. Lässt sich fallen. Freund und Mutter kümmern sich um sie. Fahren sie zum Arzt, sorgen für eine Akuteinweisung. Kurz darauf ist ihr erster Tag in der „Klapse“, wie Eva Lohmann sagt. Es war ein Donnerstag.

Es tat gut“, erinnert sie sich. „Ich konnte Verantwortung abgeben, ich wusste: die schlimme Zeit ist jetzt vorbei. Die Klinik hat mich aufgefangen, als nichts mehr ging.“ Acht Wochen bleibt sie dort, lernt viele „Verrückte“ kennen, fühlt sich nicht mehr allein. Was verspricht sie sich von dem Aufenthalt in der Klinik, wird sie in ihrem ersten Gespräch vom Arzt gefragt. „Früher hatte ich Pläne, ich hatte Energie, ich hatte Spaß. Jetzt sehe ich gar keinen Sinn mehr. Ich will nicht zu viel erwarten. Aber das allerschönste wäre, endlich wieder Lust aufs Leben zu bekommen“, schreibt Eva Lohmann in ihrem Roman. Zurückblickend sagt sie, habe es funktioniert. „Ich habe viel gelernt. Ich bin wieder ein Stückchen mehr mit mir selbst befreundet.“

 

»Ich habe alles aus meinem Leben verbannt, das mich krank macht«

Ob sie denn jetzt wieder gesund sei? „So eine Frage ist nicht gut“, sagt Eva Lohmann. „Damit setzt man Betroffene sofort unter Druck: Jetzt musst du wieder funktionieren. Und weiter im Text. So läuft das aber nicht“, sagt Eva Lohmann. So unangenehm es sei, offiziell als „verrückt“ attestiert zu werden, so sehr sei es schließlich auch ein Schutz. „Ich habe in den acht Wochen aber gelernt, mit der Krankheit umzugehen, und alles aus meinem Leben verbannt, das mich krank macht.“ Wichtigste Erkenntnis: Der Job tut nicht gut, Eva Lohmann will sich nicht weiter verbiegen. Noch aus der Klinik ruft sie ihre Chefin an und kündigt.

Den ersten Schock darüber haben ihre Eltern überwunden. Jetzt sind sie stolz auf ihre Tochter, die sich ihrem Problem gestellt und ihre Konsequenzen gezogen hat. Und die damit auch noch erfolgreich geworden ist. Der Roman „Acht Wochen verrückt“ ist mittlerweile in dritter Auflage erschienen. Mehrere Produzenten sind bereits an einer Verfilmung interessiert. Aktuell schreibt Eva Lohmann an ihrem zweiten Roman. ∑cf0 Ilona Lütje

 

Vom Leben in der Klapse

Der Tag, an dem ich in die Klapse komme, ist ein Donnerstag.“ So beginnt Eva Lohmanns Roman, der aus ihren Tagebuchaufzeichnungen während des Aufenthaltes in der Klinik entstanden ist. Burn Out. Totaler Zusammenbruch. „Wenn ich keine Akuteinweisung bekommen hätte, hätte ich mich einfach vor die Klinik gelegt und gewartet, dass mich jemand reinholt“, sagt Eva Lohmann heute. „Es war offiziell: Ich hatte eine Krankheit, war nicht falsch oder egoistisch oder faul. Ich war krank, und ich durfte krank sein“, sagt sie. Endlich konnte sie Verantwortung abgeben. In ihrem Debütroman verarbeitet die Jungautorin ihre Erlebnisse – offen, ehrlich und vor allem ohne übertriebene Sentimentalität.

 

Ausgabe 11 - 2011

 

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