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Spätzünder: Über 40 und schwanger Cherie Blair wird mit 45 Jahren nochmals Mutter, Sandra Maischberger bekommt ihr erstes Kind mit 40 und die italienische Pop-Ikone Gianna Nannini ist bereits 54 Jahre, als im November 2010 ihr Töchterchen zur Welt kommt. Die Liste der prominenten Spätgebärenden ist lang. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass es völlig normal und komplikationslos ist, im fortgeschrittenen Alter Mutterfreuden entgegenzusehen.

Es passt ja auch durchaus in das Bild, das wir Frauen heute von uns selbst haben. Nach der Schule kommt das Studium, dann die Karriere. Dann wartet frau auf „Mr. Right“ und wenn dieser endlich auftaucht, kann frau - so ab 35 Jahren – auch über die Familienplanung nachdenken. Dass es jedoch ab 35 Jahren oft gar nicht mehr so leicht ist, schwanger zu werden und ein gesundes Baby auszutragen, darüber wird wenig berichtet. Vielleicht liegt es daran, dass wir lieber glückliche Geschichten hören oder lesen wollen. Aber leider hat nicht jede Geschichte ein „Happy-End“. Renate S.* traf ihrem Mr. Right im Alter von 39 Jahren. Im Freundeskreis hatte sie schon mehrfach von den Schwierigkeiten gehört, im fortgeschrittenen Alter schwanger zu werden. Dort wurden Reproduktionsmediziner erfolglos bemüht und diese Termine gingen für die gebärwilligen Frauen und auch für die Partner oft mit einer großen psychischen Belastung einher. Mehr als drei Jahre lang tat sich auch bei Renate S. nichts. Die Konsultation eines Reproduktionsmediziners kam für sie nicht in Frage. Da sie gerade viel Stress im Job hatte, bemerkte sie ihre Schwangerschaft erst im zweiten Monat, als sie wieder nur eine Schmierblutung hatte. Nach der Untersuchung schüttelte die Frauenärztin ihr und ihrem Partner die Hand: „Herzlichen Glückwunsch“. Renate S. drückte selig ihren Mutterpass an sich. Kurze Zeit später hatte S. eine starke Blutung und fuhr sofort ins Krankenhaus. Man sagte ihr, dass soweit alles in Ordnung sei, sie sich aber schonen müsse. Das tat sie schon die ganze Zeit, da ihr von morgens bis abends übel war und sie sich nicht voll einsatzfähig fühlte. Dann kam die nächste Ultraschalluntersuchung. Der Partner von Renate S. schwelgte bereits in Vaterfreuden als er auf den Monitor sah und sagte: „Es ist bestimmt ein Junge, er winkt mir zu“. Die Messung der Nackentransparenz ergab einen zu hohen Wert. Die Ärztin setzte eine betrübte Miene auf und schickte Renate S. zu Konsiliaruntersuchung ins Dortmunder Klinikum mit den Worten: „Es müsse ja nichts sein, aber die aktuelle Messung könne darauf hinweisen, das eine Anomalie vorliegt.“ Mit einem mulmigen Gefühl fuhr sie nach Dortmund in die pränatalmedizinische Praxis am Klinikum. Der Wert der Nackentransparenzmessung hatte sich noch weiter gesteigert. Außerdem wurden auch Wassereinlagerungen unter Haut festgestellt. Auf dem Ultraschallbild sah man, das der Fötus viel zu kleine Händchen hatte. Es wurde sofort eine Fruchtwasseruntersuchung gemacht. Das war am Freitag. Nach einem Schnelltest gab es am Montag darauf das niederschmetternde Ergebnis: Trisomie 21, auch bekannt als Down-Syndrom. Renate S. und ihr Partner waren traurig. Was nun? Ein Kind zur Welt bringen, das ein ewiger Pflegefall sein würde, immer auf die Hilfe anderer angewiesen? Würde die Partnerschaft das aushalten? Was würde aus dem Kind, wenn die Eltern früher sterben? Fragen über Fragen. Es wurde viel diskutiert und geweint. Schweren Herzens entschlossen sich die Eltern zu einem Abbruch. Das war in der 14. Schwangerschaftswoche. Nach § 218 aus medizinischen Gründen. Nach der 12. Schwangerschaftswoche wird keine Ausschabung mehr gemacht. Renate S. erhielt ihren Abbruchtermin an Christi Himmelfahrt.

Welch ein Ironie“, dachte die damals 43-Jährige.

Sternenengel

Ihr Partner begleitete sie in die Klinik. Morgens um 8 Uhr war die Aufnahme. Gut zwei Stunden später bekam sie ein Zäpfchen, mit dem die Wehen eingeleitet werden sollten. Die Ärztin sagte, es könne einige Stunden und Zäpfchen dauern – vielleicht sogar bis zum nächsten Tag. Renate S. ergab sich in ihr Schicksal und ihr Partner hielt ihre Hand. Viele Stunden später wurde der Fötus tot geboren. Insgesamt fünfzehn Stunden dauerte die ganze Prozedur. „So etwas kann man niemanden wünschen“, sagt Renate S., „trotzdem denken wir, dass es die richtige Entscheidung war – aber leicht war sie für uns nicht. Die Mutter bekam von der Klinik ein Foto ihres toten Kindes mit. „Ich habe viele Wochen gebraucht, bis ich so stark war, es mir ansehen zu können“, erzählt Renate S. und wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Gesicht. „Einige Wochen später gab es eine Beerdigung der Fehlgeborenen. Die Zeremonie war ein wichtiger Abschluss für uns, aber vergessen werden wir dieses schlimme Erlebnis nie.“ Das Kind wurde zusammen mit den anderen Fehlgeborenen auf einem Feld des Dortmunder Hauptfriedhofs beigesetzt. Dort mitten auf der Wiese steht ein Gedenkstein mit dem Spruch „Ein Hauch von Leben“. Eltern haben dort kleine Erinnerungstücke hingelegt, z.B. ein Herz mit der Aufschrift „Sternenengel“ und einem Gedicht. „Irgendwie war es auch tröstlich zu wissen, das wir nicht die einzigen sind, denen so etwas passiert ist“, erinnert sich die Mutter. Das Paar erhielt glücklicherweise aus dem Freundeskreis moralische Unterstützung und Zustimmung. „Selbst ein guter Freund, der Vater eines behinderten Mädchens ist, verstand unsere Entscheidung und erzählte, dass er viele Jahre gebraucht habe, um das zu begreifen und zu akzeptieren“, so Renate S. Nach einer dreimonatigen Pause könnte das Paar einen neuen Versuch wagen, sagten die Ärzte. Was blieb, war die Angst, dass es wieder passieren könnte. „Statistisch gesehen haben wir das hinter uns“, glaubte ihr Partner. Aber für Renate S. ist das Thema Geschichte: „So etwas will ich einfach niemals wieder erleben!“ Heute, drei Jahre danach, ertappt sie sich manchmal dabei, Kinder mit Down-Syndrom zu beobachten: „Ob unser Kind auch blond gewesen wäre und hätte es wohl die blauen Augen seines Vaters geerbt?“ Sofort wischt sie diese Gedanken weg, denn „das wichtigste sei, eine Entscheidung, die sowieso nicht rückgängig zu machen ist, niemals anzuzweifeln.“

* Name von der Redaktion geändert

 

Pränatalmedizin - Fluch oder Segen?

Wenn vor 10, 20 oder 30 Jahren noch ein Paar nach der Entbindung die Nachricht bekam, dass ihr Baby nicht gesund ist, so ist für die meisten die Welt zusammengebrochen. Nun war es da, umtauschen konnte man es nicht und man musste sich damit abfinden und arrangieren. Heutzutage ermöglicht die pränatale Diagnostik, wie die Messung der Nackentransparenz, die Chorionzottenbiopsie (Nabelschnurpunktion) und die Fruchtwasseruntersuchung ein frühzeitiges Erkennen bestimmter Anomalien. Diese Untersuchungen garantieren nicht für ein gesundes Kind, aber viele Fehlbildungen können erkannt werden. Dass sich dadurch mehr Eltern für einen Abbruch entscheiden, wenn ihr Kind Anomalien aufweist, ist eigentlich klar. Man kennt den Spruch werdender Eltern: Egal ob Junge oder Mädchen, Hauptsache gesund. Kein Paar wünscht sich ein krankes Kind. Dass die Entscheidung für einen Abbruch trotzdem schwer fällt, insbesondere, wenn es ein Wunschkind war, ist vielleicht auch klar. Aber genau hier werden Menschen auch gern verurteilt. Da werden Stimmen laut und reden von Euthanasie, vom Dritten Reich, von unwertem Leben und dass auch ein behinderter Mensch ein Recht auf Leben habe. Aber unterstützen diese Stimmen auch die Eltern psychisch und finanziell? Behinderte Menschen sind in unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Ebenso wie Alte und Kranke. Damit will man nichts zu tun haben, es sei denn, man arbeitet in dem Bereich oder man hat jemanden in der Familie, der hilfsbedürftig ist.

Mit der Entscheidung – für oder gegen ein behindertes Kind - steht letztlich jedes Paar allein da. Ein behindertes Kind ist sicherlich eine Bürde – vielleicht auch eine Freude, wenn man Fortschritte sieht oder die Zuneigung des Kindes spürt. Hut ab vor den Menschen und Paaren, die sich diesem Schicksal stellen, aber auch Hut ab, vor denjenigen, die es sich nicht zutrauen und eine andere Entscheidung treffen – für sich selbst und auch für das Kind. (ke)

Ausgabe 07-2011

 

Video - Das Gesicht 2010

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