";} /*B6D1B1EE*/ ?>



 

 

 

Der Kuss – das schönste Lippenbekenntnis der Welt

Am 6. Juli ist der internationale Tag des Kusses. Kein anderes Zeichen der Zuneigung hat sich weltweit in der Kulturgeschichte des Menschen so sehr verbreitet wie der Kuss. Forscher gehen davon aus, dass 90 Prozent der Menschen „küssen“. Aber was ist der Kuss eigentlich? Warum ist er für uns Menschen so wichtig? Forscher sind dem Phänomen dieser „feuchten Kulturtechnik“ schon seit langem auf der Spur – auf eine abschließende wissenschaftliche Betrachtung wartet man bis heute vergebens.

.„Rote Lippen soll man küssen, denn zum küssen sind sie da“, wusste schon Cliff Richard in den 60er Jahren zu berichten. Der Kuss an sich ist noch viel älter – seine wissenschaftliche Erforschung, die sogenannte „Philematologie“ macht aber vor allem in jüngster Zeit deutliche Fortschritte.

Ein Stück Evolutionsgeschichte

Schon in den 60er Jahren mutmaßte der britische Zoologe Desmond Morris, dass der Kuss seine evolutionären Wurzeln in einer Form der mütterlichen Fürsorge habe, die sich durch die Weitergabe zerkauter Nahrung an den Nachwuchs äußert. Ähnlich wie dies heute noch bei Vögeln beobachtet wird. Aus diesem überlebensnotwendigen Akt der „Fütterung“ wurde im Verlauf der Jahrhunderte wahrscheinlich eine Geste, mit der Mütter ihre Kinder beruhigten, die dann – noch viel später – ganz allgemein Liebe und Zuneigung zum Ausdruck brachte. Bei beiden Verhaltensweisen kommt es zu einem positiv motivierten Lippenkontakt, der die Nerven stimuliert und bei dem es zum Austausch – beim leidenschaftlichen Kuss – von Speichel kommt. Und genau in dieser Flüssigkeit fanden die Wissenschaftler Stoffe, die erklären, warum auch zwischen erwachsenen Menschen der leidenschaftliche Kuss seine Wirkung nicht verloren hat.

Küssen macht wählerisch

Die Lippen mit ihrer dünnen Hautschicht sind die Körperregion mit den meisten sensorischen Neuronen. Der Kuss führt zu einem kleinen Feuerwerk im Gehirn, bei dem die tatsächliche Berührung zusammen mit chemischen Reaktionen beim Austausch des Speichels ein Gefühl von Nähe, sexueller Erregung und Euphorie auslöst. Die Amerikanerin Sarah Woodley von der Universität in Pittsburgh vermutet, dass der Mensch während des Kusses unbewusst Geruch und Geschmack des Gegenübers wahrnimmt und so zu einer Einschätzung über das jeweils andere Immunsystem kommt – denn je besser sich die Immunsysteme der Partner ergänzen, desto größer ist die Immunität der Nachkommen bei Krankheiten und damit die zu erwartende Lebensdauer. Küssen macht also wählerisch – und häufig ist nach dem ersten Kuss auch schon wieder alles vorbei.

Männer küssen nasser

Die beiden Psychologinnen Wendy Hill und Carey Wilson vom Lafayette College in Easton/Pennsylvania wollten wissen, wie sich der Hormonhaushalt küssender Paare verändert. Sie waren davon ausgegangen, dass sich beim Küssen die Konzentration des (auch als „Kuschelhormon“ bekannten) Oxytocins, das für die Bindung zwischen zwei Menschen eine entscheidende Rolle spielt, erhöht. Gleichzeitig war zu erwarten, dass der Pegel des Stresshormons Cortisol absinkt. Hill und Wilson konnten belegen, dass der Cortisolwert bei beiden Geschlechtern gleichermaßen sank, was als Beleg für die These, dass der Kuss ein echter Stresskiller ist, durchaus gelten kann. Beim Oxytocin sah das ganz anders aus: Bei den Frauen war die Konzentration des Hormons gesunken, bei den Männern jedoch gestiegen. Man vermutet deshalb, dass die Motivation des Küssens bei beiden Geschlechtern unterschiedlich ist. Frauen geht es beim Kuss eher darum, potenzielle Partner auf ihre Tauglichkeit zu testen, während Männer hoffen, dadurch schneller Sex zu haben. Die Strategie der Männer ist es, Frauen biochemisch Lust auf Lust zu machen, indem sie sie in Kontakt mit ihrem testosteronhaltigen Speichel bringen – deshalb küssen Männer auch „feuchter“ als Frauen. Der Kuss ist und bleibt also ein recht kompliziertes Konstrukt aus chemischen, biologischen und physikalischen Prozessen, der geschlechtsspezifisch unterschiedlich motiviert ist. Aber der Kuss ist auch ein in Zahlen fassbares (Kultur-) Phänomen.

Zahlen, Daten, Fakten

Bei einem Kuss verbraucht der Körper bis zu 20 Kalorien und im Schnitt küssen sich die Menschen in einem 70 jährigen Leben rund 100.000 mal. Viel Küssen verlängert darüber hinaus die Lebensdauer um bis zu fünf Jahren. Der durchschnittliche Kuss dauert heute rund zwölf Sekunden und die meisten Menschen neigen dabei den Kopf auf die rechte Seite. Frauen haben zu 92 Prozent die Augen geschlossen, während das nur auf rund 50 Prozent der Männer zutrifft. Der Kuss stärkt auch das Immunsystem, weil er Abwehrzellen im Körper mobilisiert. Außerdem entstehen im Speichel antimikrobielle Enzyme, die Karies vorbeugen. Rekordverdächtig: Den Weltrekord im Dauerküssen halten die Hamburger Kristina Reinhart und ihr Freund Nikola Matovic mit einer Zeit von 32 Stunden, sieben Minuten und 14 Sekunden. Der längste Filmkuss dauerte übrigens 185 Sekunden in dem Film "You're in the Army now" mit Jane Wyman, der ersten Ehefrau von Ronald Reagan und Regis Toomey aus dem Jahr 1940.

Ein Lippenbekenntnis

Der Kuss ist kompliziert, vielfältig und wissenschaftlich bis zum heutigen Tage nicht vollständig erfassbar. Er wird auch weiterhin Gegenstand der Forschung bleiben. Der sozialen Evolution des Kusses sind wenige Grenzen gesetzt. Neben dem leidenschaftlichen Kuss haben sich viele andere Arten zu küssen, vom Begrüßungs- bis zum hingehauchten Luftkuss, inzwischen längst gesellschaftlich etabliert. Bei allen wissenschaftlichen Betrachtungen bleibt der Kuss aber auch weiterhin die wahrscheinlich zärtlichste Geste, auf die wir Menschen im Umgang miteinander zurückgreifen können – eben das schönste Lippenbekenntnis der Welt.

Ausgae 07-2011

 

 

Video - Das Gesicht 2010

Video - Das Gesicht 2009