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Unerfüllte Sexualität –

oder "Du liebst mich nicht mehr"I

In vielen Beziehungen ist unerfüllte Sexualität ein Dauerthema, das sich sehr oft im Kopf abspielt, aber nicht unbedingt zu einem Gespräch mit dem Partner oder gar zu einer Lösung führt. Häufig entlädt sich die Unzufriedenheit in beiderseitigen Vorwürfen wie "du liebst mich nicht mehr" oder "du willst immer nur das Eine".

Zum Thema Sexualität gibt es soviel Ratgeber-Literatur, dass man damit vermutlich allein eine Bibliothek füllen könnte. Für das eine oder andere Paar dürfte es wohl hilfreich sein, die Nase in die Bücher zu stecken oder auch einen Paar- oder Sexualtherapeuten aufzusuchen. Aber das Paar muss letztlich erst einmal damit beginnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und nach Lösungen zu suchen. Im letzten Sommer traf ich meinen alten Freund Daniel. Wir kennen uns aus frühren beruflichen Zusammenhängen und halten weiterhin lose den Kontakt. Seit einigen Jahren ist er verheiratet und hat mit seiner Frau zwei Kinder. Das Ehepaar ist berufstätig, beide in gut dotierten Jobs. Ich frage ihn, ob er mit seinem Leben zufrieden ist. Daniel druckst ein wenig herum. "Naja, im Bett läuft gar nichts mehr", klagt er. "Nach der Geburt unseres ersten Kindes war es schon schwierig, sich körperlich wieder näher zu kommen, aber nach dem zweiten Kind ist totale Funkstille im Schlafzimmer.

Sex mit einer Anderen als Lösung

"Ich habe aber das Bedürfnis nach Sex und fühle mich ungeliebt", führt er weiter aus. Ob er mit seiner Frau darüber geredet habe und ob er es nicht einmal mit einem gemeinsamen Urlaub ohne die Kids versuchen wolle, frage ich ihn. Das habe er schon versucht und denke nun darüber nach, mit einer anderen Frau Sex zu haben. "Ja, das ist vielleicht nicht die beste Lösung, aber wenn du zu einer "Professionellen" gehst, dann bezahlst du dafür und emotionale Verstrickungen sind eher unwahrscheinlich", folgere ich. "Bist du verrückt geworden? Ich habe noch nie für Sex bezahlt und das werde ich auch in Zukunft nicht", antwortet Daniel ein wenig empört. Er dachte eigentlich an eine verheiratete Frau, die das gleiche Problem hat. Ein fester Termin, vielleicht einmal pro Woche, keine Verpflichtungen und die Ehe läuft ganz normal weiter. Auf seinen Geschäftsreisen hatte er schon den einen oder anderen One-Night-Stand und offenbar Gefallen daran gefunden. Für mich ist es schwer vorstellbar, dass man sich einfach nur trifft, um Sex zu haben, aber nicht miteinander spricht, nichts füreinander empfindet, nichts von sich erzählt und nur Körperflüssigkeiten austauscht – Woche für Woche, Monat für Monat oder sogar Jahr für Jahr. Für Daniel ist es vorstellbar und in seiner Meinung nach auch überhaupt nicht problembehaftet. Ein Deal sozusagen. Ich fand es schade, dass es mit seiner Frau nicht so lief, aber wozu soll man da raten? Sexualtherapie, Tantra-Kurs, schlaue Bücher, Selbstbefriedigung, romantisches Abendessen, Aphrodisiaka?

Hormonschwankungen und PMS

Vielleicht ist es genetisch so angelegt, dass Männer oft mehr Lust oder einfach öfter Lust haben als Frauen? Insbesondere als Frauen, die schon Kinder geboren haben? Frauen verspüren meist um den Eisprung herum ein stärkeres sexuelles Bedürfnis. Frauen haben Hormonschwankungen. Viele haben PMS oder auch Schmerzen während der Regel. Männer kennen das nicht, haben keine Beschwerden und auch keine heftigen Hormonschwankungen - nichts, was ihre Lust negativ beeinflusst. Böse Natur. Hat es so angelegt, dass die Männchen "fremdgehen" müssen, weil die Weibchen PMS haben. Schließlich geht es ja seit Jahrmillionen um die Arterhaltung. Der Homo Sapiens soll sich weiter vermehren. Das ist der genetische Auftrag. Und den kann nur der Mann erfüllen, indem er - zur Arterhaltung versteht sich - möglichst viele Frauen begattet. "Für eine dauerhafte Partnerschaft ist das wirklich ein Dilemma", sage ich zu Daniel.

Aber nicht nur Daniel hat dieses Problem mit seiner Lust oder der Unlust der Partnerin. Auch ein anderer Freund erzählte von seinen unerfüllten Sehnsüchten. Als platonische Freundin bin ich wohl prädestiniert, mir die Schicksale anzuhören und meine "küchentherapeutischen" Kommentare abzugeben. Und ich freue mich auch über das Vertrauen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Männer untereinander über so etwas reden. Zumindest nicht so. Vielleicht eher im beiläufigen "Kneipenjargon": "Meine lässt mich nicht mehr ran" – "Schon scheiße, meine auch nicht". Jörg hat schon Silberhochzeit gefeiert, die Kinder sind längst aus dem Haus.

Die Flucht in ein Doppelleben

Er erzählt, dass er und seine Ehefrau so gut wie keine gemeinsamen Interessen haben. Er ist Vertriebsleiter in der IT- Branche und sehr viel unterwegs. Nach einer langen Auszeit als Hausfrau und Mutter hat seine Frau sich selbständig gemacht. In der Woche sehen sich die beiden fast nie. Auch nicht an jedem Wochenende. "Was wird sein, wenn du mal in Rente gehst?", will ich wissen. Wenn ihr beiden so wenig gemeinsam habt, dann hat eure Beziehung wohl nur so lange gehalten, weil ihr euch nicht ständig gesehen habt, nicht dauerhaft Zeit miteinander verbracht habt?", mutmaße ich. "Das ist gut möglich", erwidert er und kommt dann mit dem "Schlafzimmerthema" um die Ecke. Aha, seit Jahren abstinent, streng gläubige Erziehung der Ehefrau, die vieles ekelig findet und nur den "Missionar" akzeptiert. Trotzdem war er ihr mehr als ein Vierteljahrhundert treu. Man hat sich ja schließlich gemeinsam etwas aufgebaut. Und auf seinen Reisen kann er sich im Hotel mittels Pay-TV verlustieren. Reden? Schon probiert! Romantischer Abend? "Das wäre vielleicht mal einen Versuch wert", freut sich Jörg. Wochen später telefonieren wir. "Ich habe meine Frau zum Geburtstag mit einer Kurzreise überrascht. Wir hatten Sex. Es war ganz ungewohnt, aber schön. Ich glaube, es hat ihr auch gefallen", erzählt Jörg zufrieden. Ich freue mich für ihn. Als wir uns dann Monate später wieder treffen, sagt er, es sei nur eine Eintagsfliege gewesen. Doch kein Wiedereinstieg in eine erfüllte Sexualität. Schade. Jetzt hat er eine Freundin, tanzt auf zwei Hochzeiten. Kann sich für nichts entscheiden und hofft und bangt gleichermaßen, dass ihm eine der beiden Frauen die Entscheidung abnimmt. Er führt ein Doppelleben und sagt, "wenn ich darüber nachdenke, werde ich verrückt". Und so schiebt er die Gedanken, die schmerzenden Emotionen und letztlich die Entscheidung zugunsten einer seiner beiden Partnerinnen vor sich her. Bis es irgendwann knallt. Das hat Jörg dann nicht mehr in der Hand. In diesem Fall sind es also die fehlenden gemeinsamen Interessen – wozu auch die Sexualität gehört, die den Mann in die Arme einer Anderen geführt haben. Aber wie kann man das verhindern? Kann Frau das verhindern?

Romantik oder Pragmatismus?

Der Essener Paartherapeut Stefan Kirner sagt dazu: "Einen wesentlichen Beitrag kann Frau dann dazu beitragen, wenn Sie aufmerksam bleibt in dem, was ihren Mann zufrieden macht. Wenn er sich angenommen fühlt und genügend unbeschwerte Zeit mit ihr verbringen kann, ist das der beste Weg zu einer reifen und erfüllten Sexualität. Die ist dann nicht mehr geprägt von dem Mechanismus: Lust wahrnehmen - Lust steigern - Lust befriedigen, sondern vielmehr ein Erleben von Sinnlichkeit und Zusammengehörigkeit, dem ursprünglichen, bedingungslosen Empfinden ‚schön das es dich gibt’. Das Gleiche gilt natürlich auch für uns Männer. Der Alltag bindet ein Paar oft in ein funktionelles Miteinander ein. Hier ist es meistens mehr die Aufgabe des Mannes, seiner Partnerin einen Ausstieg aus dem Alltag anzubieten. Zum Beispiel tagsüber ein Telefonat: ‚Ich habe gerade an dich gedacht und freu’ mich auf dich. Sollen wir heute Abend ... !?’"

Ganz anders handhabt ein befreundetes schwules Pärchen die Sache mit dem Sex. Mika und Torsten sind seit fünfzehn Jahren zusammen, seit einigen Jahren verheiratet. Bei Homosexuellen eher die Ausnahme, als die Regel. Beide haben gute Jobs, ein gemeinsames Haus, viele Freunde – nicht nur in der Schwulenszene - und sie lieben sich. Mika sagt: "Einmal pro Woche gehe ich aus und dann will ich auch nicht von Torsten gefragt werden, wo ich war und mit wem. Wir haben die Rahmenbedingungen, wie wir miteinander leben wollen und können, für uns geklärt". Das klingt sehr pragmatisch, völlig unromantisch, aber es scheint zu funktionieren. Vielleicht würden viel weniger Ehen geschieden, wenn die Paare offener und pragmatischer mit ihrer Beziehung und ihren Bedürfnissen umgehen würden? Schließlich sind die Menschen unterschiedlich und man kann nicht erwarten, dass der Partner immer dieselben Bedürfnisse verspürt – ganz gleich, ob in der Sexualität oder der sonstigen Beziehungsgestaltung. Wenn man die eigenen Wünsche immer zurückstellt oder andersherum, sich immer den Wünschen des Partners beugt, kommt irgendwann eine innere Unzufriedenheit auf, die meist darin mündet, sich über kurz oder lang anders zu orientieren.

Vielleicht kann man etwas von Mika und Torsten lernen? Und vielleicht ist das nur "Küchenpsychologie", aber bestimmt nachdenkenswert. Unsere Gesellschaft ist seit Jahren im Umbruch. Es gibt wenige Konstanten im Leben, wenig gefühlte Sicherheit. Im TV erblöden sich die Leute, über ihre sexuellen Präferenzen zu reden oder sie gar vorzuführen. Aber in einer Beziehung schaffen wir es nicht, uns zu äußern oder gar mögliche Lösungen vorzuschlagen. Aus Scham oder aus Angst, den anderen zu verlieren. Und verlieren ihn oder sie, weil wir nicht reden konnten, uns nicht getraut haben. Das ist dann wirklich blöd. (kk)

Ausgabe 07-2010
 

Video - Das Gesicht 2010

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