";} /*B6D1B1EE*/ ?>



 

 

 

Aus den USA nach Witten – der Liebe wegen

Oft ist eine Geschichte, die das Leben schreibt, unglaublicher als jegliche Fiktion – wie diese einer jungen Amerikanerin, die es nach Witten verschlug. Eine Geschichte über Träume, Hoffnungen, Liebe und einen Konversationskurs.

Whitney Flores lächelt, wenn sie den Mädchen in ihrem Kurs zuhört. Englische Konversation steht auf dem Programm, "Talking English" heißt folgerichtig auch der Kurs, den die Amerikanerin anbietet. Ein Kurs für Jungen und Mädchen gleichermaßen, wenngleich das Interesse der Jungs an ihrem kostenlosen Angebot bislang eher mäßig ausfällt. "Ich wollte denen, die mir helfen, einfach etwas zurückgeben", erzählt die 23-jährige Wittenerin. So entstand die Idee eines Konversationskurses. "Ich möchte Kindern einfach die Gelegenheit geben, mit einer Muttersprachlerin ihre Schulkenntnisse in der Praxis anzuwenden", erklärt sie das Konzept. "Ich gebe kein Thema vor, sondern lasse die Kinder entscheiden, über was sie sprechen möchten" Musik, Schule, Freunde, das sind die Themen, die interessieren. Auf korrekte Grammatik kommt es nicht an, die Mädchen sollen einfach aus sich heraus kommen und keine Angst vor der Sprache haben. "Je mehr ich spreche, desto besser werden meine Aussprache, mein Vokabelschatz und auch meine Grammatik", ist sich die Amerikanerin sicher und kann auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, die sie macht, wenn sie Deutsch lernt. Nun gibt es sicher viele Konversationskurse und Whitney Flores ist nicht die einzige Muttersprachlerin, die einen Kurs dieser Art anbietet. Aber dennoch, der Kurs, der jeden Montag ab 17 Uhr stattfindet, ist schon etwas Besonderes. Genau wie die Geschichte der 23-jährigen Neu-Wittenerin, die sich nie hätte träumen lassen eines Tages in Deutschland zu leben. Doch manche Geschichten, die das Leben schreibt, sind verrückter als jeder noch so gut durchdachte Kitschroman. Aber alles der Reihe nach.

Die Kerschensteiner Straße im Wittener Stadtteil Annen ist ein schwieriges Terrain. Der Anteil an Migranten ist hoch, die Häuser waren in einem schlechten Zustand, Vandalismus war verbreitet, das direkte Umfeld eher trist. Dann aber richteten unter anderem die Wittener Caritas und das Stadtteilbüro Annen den Nachbarschaftstreff mitten in einem der Hochhäuser ein. "Wenn ich in einem Umfeld wohne, in dem ich gerne lebe, mit dem ich mich identifiziere, reagiere ich ganz anders auf Vandalismus, als in einem Umfeld, in dem ich mich abgeschoben fühle", erklärt Johannes Böing vom Migrationsdienst der Caritas in Witten. So hat sich vieles in den letzten beiden Jahren an der Kerschensteiner Straße getan. Die Siedlungsgenossenschaft, der die Häuser gehören, hat viel Geld in die Instandsetzung investiert, im Nachbarschaftstreff finden regelmäßig Veranstaltungen der unterschiedlichsten Art für die Anwohner statt. Kultur, Bildung, Unterhaltung stehen auf dem Programm, seit September gehört auch der Konversationskurs dazu, der allerdings für alle offen ist, die Zeit und Lust auf Gespräche mit einer Muttersprachlerin haben.

Whitney Flores hat ihn ins Leben gerufen, weil sie dem Migrationsdienst etwas für die Hilfe, die ihr von ihm zuteil geworden ist, zurückgeben möchte. Ehrenamtlich, als kleines Dankeschön. Deutschland nämlich war der Amerikanerin bis vor zwei Jahren gänzlich fremd. Geboren 1986 in Columbia, South Carolina, verbrachte sie eine ganz normale, wohl behütete Kindheit in einer typischen großstädtischen Vorstadt. Sie besuchte eine High School, nach dem Schulabschluss nahm sie ein Kunststudium auf. "Ich liebe Kunst", erzählt sie und lächelt, auch wenn sie selbst, wie sie zugibt, keinesfalls selbst als Künstlerin ihr Brot verdienen wollte. "Mir schwebte eher eine Tätigkeit als Galeristin vor." Und das nicht unbedingt in South Carolina. Aber der Markt ist umkämpft, die Konkurrenz groß, in den großen Galerien in den großen Städten wartete niemand auf die junge Frau aus South Carolina.

Um ihre Berufschancen zu verbessern und mit Erfahrungen punkten zu können, beschloss sie ein oder zwei Semester im Ausland zu studieren. "Natürlich denkt man als Amerikanerin zuerst an London oder Paris", lacht sie. Doch neben dem Wunsch, in der weiten Welt zu studieren, stehen die finanziellen Möglichkeiten. Wo lässt sich ein solcher Auslandsaufenthalt finanzieren, wo passt das Studienangebot zum angestrebten Abschluss?

Schließlich erhielt sie den Prospekt eines Austauschprogramms, der sie mit einer Stadt bekannt machte, von der sie noch nie gehört hatte: Dortmund. "Das Angebot der Dortmunder Uni passte genau zu meinem Kunststudium und meinen finanziellen Möglichkeiten", erinnert sie sich. Warum also nicht Dortmund statt Paris, Madrid oder Barcelona?  Whitney Flores gewöhnte sich schnell ein, kam mit ihren Kommilitonen gut zurecht, fühlte sich geborgen. Vor allem wunderte sie sich über die Lockerheit der Ruhrgebietler, das so gar nicht dem Klischee entsprach, das Amerikaner über Deutsche pflegen. Und dann geschah etwas, womit die Amerikanerin am allerwenigsten gerechnet hätte: Sie lernte ihren Daniel kennen. Daniel Krawczyk aus Witten. Amors Pfeil landete einen Volltreffer, ihre Beziehung entwickelte sich im Zeitraffertempo. Nach ihrer Rückkehr in die USA stand für die junge Amerikanerin fest: Diese Rückkehr würde nicht von Dauer sein. "Meine Eltern waren entsetzt als ich ihnen erklärte, dass ich nach Deutschland zurückkehren und Daniel heiraten würden", schmunzelt Whitney Flores. "Sie waren sogar richtig zornig, meinten, ich sei für eine solche Entscheidung zu jung." Letztlich wollten sie ihre Eltern nur schützen, am Ende ließen sie Whitney natürlich ziehen. Wenn auch schweren Herzens, denn Familienbesuche gestalten sich aufgrund der räumlichen Entfernung verständlicherweise schwierig. Immerhin kann via Internet der Kontakt gehalten werden.

 

Im Juni läuteten die Hochzeitsglocken, inzwischen leben ihr Mann und sie im Ortsteil Wullen. Nun gibt es ein Problem, mit dem sich Whitney Flores ausgiebig auseinandersetzt: Die deutsche Sprache. In Deutschland zu leben ist etwas anderes als in Deutschland zu studieren. Whitney Flores will ein Teil dieser Gesellschaft werden. So kam der Kontakt zum Migrationsdienst zustande, so entstand ihr eigenes ehrenamtliches Engagement. Ganz uneigennützig ist ihr Angebot nicht, wie sie zugibt. Sie schaut den Mädchen schon sehr genau auf den Mund, wenn sie Deutsch miteinander sprechen. Sie paukt intensiv deutsche Vokabeln, einen Studienabschluss hat sie und in nicht allzu ferner Zukunft hofft sie, sich ihren Traum von einer Arbeit in einer Galerie erfüllen zu können. Und dass diese sich nicht in einer amerikanischen Metropole befinden wird, sondern vielleicht eher in Bochum, Dortmund oder Witten an der Ruhr, findet sie heute richtig gut.

Ausgabe 11/09 

 

Video - Das Gesicht 2010

Video - Das Gesicht 2009