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Die "Bochumer Madonna"

Wie eine Bergarbeiterfrau zum Symbol für politischen Protest wurde

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts kommt es im Ruhrgebiet immer wieder zu Streiks: Bergleute reagieren auf soziale Spannungen in der Gesellschaft. 1889 erstreckt sich ein Streik von Bochum ausgehend auf die ganze Region: die ArbeiterInnen fordern eine Beteiligung am Gewinn der Unternehmen, für die sie täglich unter Tage schuften. Die ersten Gewerkschaften im Bergbau entstehen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkämpfen die Bergleute durch einen weiteren Streik 1905 die Begrenzung ihrer Arbeitszeit auf 8 ½ Stunden täglich. Die Frauen der Bergarbeiter sind zu jener Zeit hauptsächlich für die Kindererziehung und den Haushalt zuständig. Dazu gehört auch die Arbeit im Garten und in Stallungen – dies ist ein wichtiger Beitrag zur Selbstversorgung. Durch Putz- und Näharbeiten wird das Familieneinkommen ebenfalls aufgestockt.

Die Arbeit im Bergbau war Frauen im Ruhrgebiet verboten. Gleichzeitig mobilisiert 1910 eine Frau, nämlich Rosa Luxemburg, die Arbeiterschaft: sie kritisiert unter anderem das damals übliche preußische Dreiklassenwahlrecht, das die ArbeiterInnen benachteiligt. Zwei Jahre später erlangt in Bochum eine andere Frau einige Berühmtheit: 1912 streiken im gesamten Ruhrgebiet die Bergleute. Es kommt zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei, die verschiedenen Bergbaugewerkschaften sind uneinig, in der Presse wird die Stimmung angeheizt. Schließlich schickt Kaiser Wilhelm sogar Soldaten gegen die Arbeiterschaft los.

In Bochum werden die Streikenden zum Teil von ihren Ehefrauen unterstützt. Eine von ihnen wagt etwas im damaligen Verständnis ungeheuerliches: sie beschimpft die Soldaten. Deshalb wird sie verhaftet und ins Gefängnis gesperrt – zusammen mit ihrem fünf Monate alten Kind! Die Zeitschrift "Der Wahre Jakob", ein politisches Satiremagazin, berichtet über diesen Skandal. Sie veröffentlicht eine Zeichnung, die die Frau mit ihrem Kind im Gefängnis zeigt, einem Marienbildnis ähnlich, die "Bochumer Madonna". Damit wird die Frau, deren Name heute nicht mehr bekannt ist, zur Kultfigur. Ihr Bild hängt bald in den Wohnungen unzähliger Bergleute als Protest gegen die Brutalität und Ungerechtigkeit seitens des Staates und der Unternehmer. Der Streik ist längst durch militärische Gewalt niedergeschlagen. Doch der stille Protest in Form des Bildes beunruhigt die Behörden erneut, und so wird es in vielen Fällen konfisziert. Dies kommentiert Der Wahre Jakob durch das folgende Gedicht:

Die konfiszierte Madonna

Ihr löscht ihr Angedenken nicht,

ihr im Westfalenlande,

Die Bochumer Madonna

spricht von unserer Zeiten Schande

Auch heute kann die Bochumer Madonna ein Symbol sein für die Stärke und den Mut von Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen, die in Vergangenheit und Gegenwart "unserer Zeiten Schande" benennen und bekämpfen.

Text: Linda Wotzlaw, Frauenarchiv ausZeiten

Ausgabe Dezember 2008

 

 

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