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Ursula von Kemnade

Das Haus Kemnade gehört zu den schönsten Sehenswürdigkeiten in der Umgebung Bochums. Obwohl es seit 1929 nicht mehr zu Stiepel sondern zu Hattingen gehört, ist die Wasserburg an der Ruhr im Besitz der Stadt Bochum. Die Stiepeler Dorfkirche und die Burg Blankenstein sind nicht weit entfernt, wie auch der Kemnader See und das Naturschutzgebiet Katzenstein. Von 1414 bis 1647 gehörte Haus Kemnade der Familie von der Recke. Um 1600 wurde in dieser Familie eine Frau geboren, die durch ihren Wunsch nach Selbstbestimmtheit einige Unruhe in das ehrwürdige Adelsgeschlecht brachte.

 

Ursula von der Recke wird im dritten Bochumer Heimatbuch von 1930 als ein Mädchen mit "allzu lockerem Wesen" beschrieben. Was damit genau gemeint war, können wir heute nur erraten. Ursula wird zur "Besserung" in das Kloster zu Greverath geschickt, damals immerhin eine Möglichkeit für Frauen, Bildung zu erlangen. Doch das Klosterleben fordert auch große Anpassung und Einschränkung – die junge Baronin flüchtet. Statt wie von der Familie gefordert "auf den Pfad der Zucht und Ehrbarkeit zurückzukehren", verliebt sich Ursula in einen wandernden Krämer, Clemens Nagel, den sie kurz darauf heiratet. Freie Partnerwahl, dazu noch eine unstandesgemäße, ist zur damaligen Zeit besonders für Frauen eine Unmöglichkeit. Dass Ursula von der Recke sich dennoch dafür entscheidet, statt reumütig in den Schoß der Familie zurückzukehren, mag einerseits leichtsinnig erscheinen, zeigt aber auch den Mut und die Abenteuerlust der jungen Adligen. Eingesperrt in Burg oder Kloster zu leben, kommt für sie nicht in Frage. Sie zieht mit ihrem Mann "von Westfalen nach dem Rhein und wieder zurück". Ihr "ungebührliches Verhalten" ist Hauptgesprächsthema in den Ortschaften um das Haus Kemnade.

Der Familie ist der Vorfall höchst unangenehm, Ursula gilt als Schandfleck, über den möglichst nicht gesprochen wird. Das damalige Recht sieht für derartige Fälle vor, dass "eine Tochter, selbst wenn sie keine strafbare Handlung getrieben, sondern nur schuldig wäre, vor ihrem 25. Lebensjahr ohne Zuziehung und Gutheißung der Eltern sich in den ehelichen Stand begeben zu haben, enterbt werden kann." Und dies beschließt der Familienrat auf Haus Kemnade. Als Clemens Nagel stirbt, muss Ursula fünf Kinder allein versorgen, und das ist damals nahezu unmöglich, es gibt kein soziales Netz für Frauen wie sie. Deshalb bittet sie ihre Familie um Hilfe, die sich jedoch nicht erweichen lässt. Ursula äußert ihren Unmut darüber öffentlich, eine weitere "unadlige" Verhaltensweise, die gemessen an ihrer verzweifelten Lage nur allzu verständlich ist. Sie wendet sich an den Fürsten in Kleve, der zum Bochumer Gericht, dem Ursulas Bruder vorsitzt, in Konkurrenz steht.

Nun ist nicht nur die Familienehre beschädigt, auch die politische Macht und der Grundbesitz derer von der Recke scheinen in Gefahr. Zeitweilig werden zwei Bauernhöfe, die zum Haus Kemnade gehören, beschlagnahmt um so Ursula zum Unterhalt zu dienen. Der Skandal zieht weite Kreise und spaltete die Öffentlichkeit in Bochum. Ob die teilweise Solidarität mit der ehemaligen Baronin auch materielle Unterstützung beinhaltet, ist nicht bekannt. Schließlich kommt es zu einem Prozess, den die Familie von der Recke erst lange nach ihrem Tod gewinnt. Ursula von der Recke lebt weiterhin mit ihren Kindern in Armut. Sie stirbt und wird an einem unbekannten Ort begraben.

Text: Linda Wotzlaw, Frauenarchiv ausZeiten

Ausgabe 11. 2008

 

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