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Henriette von Noël und die "Höheren Töchter"

Heutzutage ist es selbstverständlich, dass Mädchen ein Gymnasium besuchen und sich nach dem Abitur für eine Ausbildung oder auch für ein Studium entscheiden können. Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert. Es ist aber nur rund 150 Jahre her, dass Mädchen überhaupt eine bessere Ausbildung an einer Bochumer Schule erhalten konnten.

Meine Großmutter, Jahrgang 1902 ging nach der Volksschule – es war der erste Weltkrieg – mit 14 Jahren in den Beruf. Der Vater war im Krieg gefallen und sie musste für Ihre Mutter, die jüngere Schwester und sich selbst sorgen. Voller Stolz zeigte sie mir einmal die Zeugnisse ihrer Schwiegermutter. Diese hatte die "Höhere Töchterschule" besucht. "Höhere Töchter" – das klang sehr elitär – nach Großbürgertum und nach Geld. Letzteres war sicherlich auch vonnöten, denn es musste damals Schulgeld bezahlt werden. Als Höhere Töchterschule wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine Mädchenschule bezeichnet, die vergleichbar mit der heutigen Sekundarstufe I (5. bis 10. Klasse) war. Der Unterricht ging über den der Volksschulen hinaus und hatte eine allgemeinere "geistige Bildung" (Brockhaus 1896/97) zum Ziel. Es fehlte jedoch der zum Studium notwendige Abschluss des Abiturs. Der war aber auch nicht nötig, denn die Mädchen sollten gut "unter die Haube" gebracht werden. Deshalb wurden die "höheren Töchter" in der Schule insbesondere auf ihre späteren häuslichen Pflichten als Gattin und Mutter vorbereitet. Die einzige Möglichkeit einer weiterführenden und berufsqualifizierenden Schulbildung für junge Frauen war damals der Besuch eines Lehrerinnenseminars. Henriette von Noël wurde 1833 als älteste von sieben Töchtern des Bochumer Richters Leopold von Noël und Caroline Flügel geboren – ein Mädchen aus sehr gutem Hause. Ihre Urgroßmutter war Henriette Kortum. Nach dem Besuch der Höheren Töchterschule der Ursulinen in Dorsten ging sie als Sprachlehrerin nach Lüttich. Ab 1856 lehrte sie in Kölner Privatschulen, wo sie ihre beiden Lehrerinnenprüfungen bestand. Dann kehrte sie nach Bochum zurück und eröffnete 1860 die "Katholische höhere Töchterschule". Durch die Gründung dieser Schule hatten nun auch die katholischen Mädchen eine berufliche Aufstiegschance. Bereits 15 Jahre zuvor hatte die Berlinerin Caroline Krüger – zuvor Hauslehrerin auf Haus Bruch bei Hattingen - eine evangelische höhere Mädchenschule in Bochum eröffnet. Als begabte und anerkannte Pädagogin hatte von Noël alsbald Erfolg mit ihrem Lehrbetrieb. So wurde 1870 an der Augustastraße ein neues Schulgebäude eingeweiht, welches im 2. Weltkrieg zerstört wurde. Ihre Schule wurde 1916 nach der Naturwissenschaftlerin, Theologin, Dichterin, Malerin und Komponistin Hildegardis von Bingen benannt. Die Hildegardis-Schule befindet sich heute am Bochumer Stadtpark in einem wenig schmucken Gebäude aus den 1950er Jahren.

Als "höhere Töchter" bezeichnete man im 19. Jahrhundert junge Mädchen und Frauen aus großbürgerlichen Kreisen und aus dem weitgehend "verbürgerlichten" Adel. Im Unterschied zu den Töchtern niederer sozialer Schichten (wie etwa dem kleinbürgerlichen bis bürgerlichen Handwerker- und Kaufmannsmilieu oder der bäuerlichen Landbevölkerung) waren "höhere Töchter" von jeglicher Erwerbstätigkeit, wie der Mitarbeit im Familienbetrieb oder einer Dienstbotentätigkeit, freigestellt. Ihre Lebensaufgabe bestand darin, eine gute Hausfrau, Gattin und Mutter zu werden. Dementsprechend gestalteten sich auch die Erziehung und Schulbildung der "höheren Töchter".

Linda Wotzlaw, Frauenarchiv ausZeiten

Ausgabe 05.2007

 

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