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Vom Drogen-Jetset in den Frauenknast

Andrea Mohr pfeift auf das bürgerliche Leben. Sie will reisen, etwas von der Welt sehen und Geld verdienen. Viel Geld. So bricht sie ihr Studium ab, verdingt sich als Fotomodel und als Stripperin im japanischen Osaka. Sie schmuggelt Kokain im großen Stil und geht bei Hollywood-Größen ein und aus. Am Ende steht der Frauenknast.

Ihr rot geschminkter Mund erzählt charmant von Reisen, Hobbys, ihrer kürzlich begonnenen journalistischen Tätigkeit, ihrem Engagement für Amnesty International. Genüsslich nippt sie zwischendurch an ihrem Weißwein. Mit einer lockeren Handbewegung versucht sie ihre widerspenstige blonde Mähne zu zähmen. Andrea Mohr ist präsent, sexy – eine Erscheinung nach der sich Männer umgucken. Doch vor allen Dingen hat diese Frau etwas: Sie ist spannend, irgendwie geheimnisvoll. Vielleicht sind es auch ihre Augen, die so viel von sich erzählen - noch viel mehr als ihre roten Lippen. Augen, die viel gesehen haben, mehr als sie eigentlich wollten.

Vor uns liegt ihr in Deutschland gerade neu erschienenes Buch „Pixie“. In Australien bereits 2009 ein Bestseller. Der Grund unseres Treffens. In mir: Der unwiderstehliche Drang mit Andrea Mohr nicht über Reisen und Klamotten sprechen zu wollen. Vielmehr drängt es mich von der attraktiven Blondine etwas über weltweite Drogen-Kartelle zu erfahren. Über das härteste Frauengefängnis der Welt, über ein mit Dollarnoten vollgestopftes Appartement.

Sie klopften nicht. Sie traten die Tür auf, warfen mich auf den Boden, legten mir Handschellen an und nahmen mich mit“, erzählt die heute 47-Jährige und erinnert sich an jenen 11. September 1999 zurück, der ihr Leben für immer verändern sollte. Andrea Mohr hatte es kaum erwarten können, die gefährliche, hoch dosierte, giftig-gute Mischung aus flüssigem Heroin und Koks in ihre Venen zu schießen. Ungeduldig suchte sie mit der Spritze nach einer noch nicht vernarbten Stelle, als plötzlich ohrenbetäubender Lärm dumpf in ihr Bewusstsein drang. Bis die junge Deutsche verstehen sollte, was wirklich mit ihr geschah, waren Jahre verstrichen: „Eine Schuld erkennt man nicht von heute auf morgen“, erklärt sie mir. „Das dauert!“ Für dieses Begreifen ließen die australischen Richter der Drahtzieherin eines weltweiten Kokain Kartells viel Zeit. Fünf Jahre lang war sie in Dame Phyllis Frost Centre in Melbourne inhaftiert, einem der härtesten Frauengefängnisse der Welt. Hier kämpfte sie mit sich selbst, mit ihrer Drogensucht, den unmenschlichen Bedingungen – und ums nackte Überleben.

Andrea Mohr wurde 1963 in der pfälzischen Provinz geboren. Sie war ein hübsches, lebenslustiges Mädchen. Nachdem sie ihre Schule beendet hatte, studierte sie für kurze Zeit Japanologie, Amerikanistik und Wirtschaft in München und Berlin. Doch größer als ihre Lust auf ein geregeltes Leben, war ihre Sehnsucht nach Abenteuer. Andrea wollte etwas erleben. Sie wollte die Welt sehen. „Ich werde oft gefragt, wie es dazu kommt, dass man Drogendealerin wird. Da steckt nun wirklich kein Masterplan hinter. Ich war jung, das Gegenteil von spießig und ich liebte das Reisen“, versucht sie mir, und vielleicht auch ein bisschen sich selbst, zu erklären. Andrea arbeitete als Hostess, Fotomodel, Schauspielerin und Striptease-Tänzerin unter anderem in Osaka, wo sie viel Geld verdiente. Noch mehr, das wusste Andrea, konnte nur das Drogengeschäft bringen. „Ich saß in Ecuador alleine in einer Hotelbar, als mich plötzlich ein gut aussehender Mann ansprach. Beeindruckt stellte er fest, dass ich Tequila wie ein Mann trinken könnte“, erzählt Andrea Mohr amüsiert. Seine nächsten Worte waren es, die ihr Schicksal besiegeln sollten: „Eine Frau wie du wäre genau die richtige für den Schmuggel von Kokain. Jeder Zollbeamte der Welt schmilzt bei deinem Augenaufschlag dahin.“ Andrea war die richtige, sie war gut. Zu gut. Nachdem sie ein Mal als Drogenkurierin fungiert hatte, merkte sie schnell, dass das nicht das große Geld brachte. Von da an nahm sie die Dinge selbst in die Hand. Sie schmuggelte das Kokain in großem Stil und über Kontinente hinweg. Die Scheine flossen so schnell, dass Andrea noch nicht einmal Zeit zum Waschen der Dollarnoten hatte. „Ich hatte ein Appartement gemietet, das ich nur dazu benutzte, das Geld hineinzuwerfen“, erzählt Andrea. „Bis heute weiß ich nicht, was damit nach meiner Verhaftung passiert ist. Wahrscheinlich hat es sich ein korrupter Polizist unter den Nagel gerissen!“ 1997 heiratete sie einen Mann, der in Deutschland wegen Bankbetrugs gesucht wurde, zog mit ihm nach Melbourne und organisierte nun mit ihm zusammen die Schmuggelgeschäfte. Bis zu ihrer Verhaftung genoss die Drogen-Bossin ein glamouröses Leben. Sie war zu Gast bei Filmstars wie Michael Douglas und Danny de Vito, lebte von einem Schuss zum nächsten. Bis dieses extravagante Leben plötzlich ein jähes Ende fand. „Die Polizei hatte uns sechs Monate lang observiert, nachdem sie ein Gespräch zwischen meinem Ex-Ehemann und einem beteiligten Anwalt mitbekommen hatte. Sie hatten gekokst und fingen plötzlich an zu plaudern. Verraten hat mich drei Monate nach der Verhaftung mein Ex Ehemann mit seiner Aussage.“

Packend und schockierend ehrlich erzählt Andrea Mohr in ihrem Buch „Pixie“ von den Jahren hinter Gittern, von ihren Tagträumen einer besseren Zeit und davon, wie sie nun zurück in der Heimat ihren Frieden gefunden hat.

Hinter mir fiel die eiserne Tür zu. Dieses Geräusch, das beim Schließen der Tür entsteht, ist ein ganz besonderes, denn es vergegenwärtigt einem das endgültige Eingeschlossensein – das Unwiderrufliche dieses Geräuschs hat sich tief in meine Erinnerungen gegraben“, beschreibt Andrea in ihrem Buch den Weg in die Hölle. In unverblümter Sprache erzählt sie von den Misshandlungen, von den Morddrohungen, von den leeren Seelen der Mitinsassinnen, die später ihre Freundinnen wurden: „Die Frauen, die ich im Gefängnis beschreibe, haben alle einen Fehler gemacht. Deshalb sind sie aber keine Monster. Genauso wenig wie ich!“ Von Mörderinnen, Drogendealerinnen, aber auch von Ehefrauen und Müttern erzählt Andrea, möchte aufklären, Einblicke geben. „Sie nannten mich Pixie“, lächelt die 47-Jährige. „Das ist ein Fabelwesen. Eine Mischung aus Kobold und Fee.“ Mit viel Mühen erkämpfte sich Andrea Mohr ein Studium, setzte sich für bessere Bedingungen ein und wurde zur Sprecherin der inhaftierten Frauen.

Sieben Jahre sind seitdem vergangen. Die einstige Drogenbossin ermutigt heute verurteilte Straftäter ihre Haftzeit sinnvoll zu nutzen, veranstaltet Lesungen in Justizvollzugsanstalten und engagiert sich weltweit für die Abschaffung der Todesstrafe, für bessere Haftbedingungen, für Frauenhäuser und gegen Fremdenhass. Als re-integrierte Wohltäterin versteht sich Andrea Mohr dennoch nicht: „Jeder muss selbst wissen, wie er mein Buch auswertet. Ich möchte einen Einblick geben, mehr nicht.“ Auf meine Frage nach ihrem Gewissen, antwortet die Blondine zurückhaltend: „Ich habe die traurigen Figuren am Ende der Drogenkette nicht mitbekommen. An so etwas habe ich nie gedacht!“ Ob sie es heute tut, ist nicht heraus zu hören.

Wir haben uns lange unterhalten. Doch bleibe ich hin- und hergerissen, wie diese Frau ist, wer sie ist. Es fällt mir schwer sie einzuordnen. Ihr offenes Lachen, ihr sympathisches Zwinkern, von dem schon ein Drogenboss in Ecuador sagte: „Bei diesem Augenaufschlag schmilzt jeder dahin!“ Auch nach 311 Seiten Hochspannung, Schrecken und Faszination bleibt Andrea Mohr „Pixie“ – eine Mischung eben, aus Kobold und Fee.

Ausgabe 04-11

 

Video - Das Gesicht 2010

Video - Das Gesicht 2009