";} /*B6D1B1EE*/ ?>



 

 

 

 

Henriette Flügel – ein bürgerliches Frauenleben im 19. Jahrhundert

Die Bochumer Familie Kortum hat neben dem berühmten Carl Arnold Kortum auch viele bemerkenswerte Frauen hervorgebracht – bis heute bekannt sind leider nur wenige von ihnen: Da ist einmal Carl Arnolds Tochter Henriette Kortum (1770-1839), die eine ausgezeichnete Botanikerin, geschäftstüchtige Hausfrau und Autorin einer umfangreichen Sammlung von Backrezepten war.

Henriette von Noel (1833-1903), deren Mutter ebenfalls eine Kortum war, eröffnete eine der ersten und besten Mädchenschulen in Bochum und führte sie 35 Jahre lang mit außerordentlichem Erfolg. Der Generation zwischen diesen beiden Frauen gehört Henriette Flügel an. Sie war eine Tochter Henriette Kortums und damit Enkeltochter Carl Arnolds. Noch heute steht in der Rosenstraße das Haus, das die Mutter ihr hinterließ. 1796 geboren, zeigt sich bei ihr bald das große dichterische Talent, das schon ihren Großvater berühmt gemacht hat. Doch ihr Lebensweg verläuft anders: während ihre Mutter durch ihren liberalen Vater Carl Arnold die Möglichkeit hatte, sich zu bilden bevor sie mit 24 Jahren heiratete, sich sogar scheiden ließ ohne die Unterstützung ihres Vaters zu verlieren, wird ihre Tochter Henriette bereits mit 15 Jahren mit dem Bochumer Arzt Flügel verheiratet. Sie hört auf zu dichten und bringt in den folgenden Jahren sechzehn Kinder zur Welt, von denen neun früh sterben. Man kann nur erahnen, welche körperliche und psychische Belastung dies für die junge Frau bedeutet – dennoch waren derartige Erfahrungen damals für viele Frauen Normalität. Erst nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1850 beginnt sie wieder, Gedichte zu schreiben. Da ihr Talent nie Raum hatte sich zu entfalten, geschweige denn Förderung erhielt, beschränken sich ihre Arbeiten auf kleine Gelegenheitsdichtungen über alltägliche Ereignisse.

Bis heute sind zwei Tagebücher Henriette Flügels erhalten. Darin verarbeitet sie vor allem den Tod ihrer Tochter Hermine. 1877 stirbt Henriette Flügel in Essen. Sie ist auch dort beerdigt, ist aber auf einer Grabplatte auf der Gruft der Familie Flügel in Bochum verzeichnet. Zu sehen ist diese Grabplatte auf dem Alten Friedhof an der Wittener Straße.

Der Lebensweg Henriette Flügels ist exemplarisch dafür, wie stark die Entwicklung einer Frau im 19. Jahrhundert vom Willen des Vaters abhing: Frauen mit liberalen Vätern durften sich bilden und heirateten weniger früh. Bei einer Ehescheidung verlor eine Frau normalerweise ihr Ansehen, ihre finanzielle Grundlage und das Sorgerecht für ihre Kinder, doch ein wohlwollender Vater konnte sogar solche Konsequenzen auffangen oder abwenden.

Henriette Flügel hatte nicht das Glück, ein selbstbestimmtes Leben führen zu dürfen. Die Spuren, die sie hinterlassen hat sind entsprechend gering, aber genau deshalb müssen sie heute sichtbar gehalten werden – auch als Erinnerung an die vielen Frauen, deren Potenziale nie zur Entfaltung kommen durften und die deshalb heute vergessen sind.

Text: Linda Wotzlaw, Frauenarchiv ausZeiten Quelle: Gisela Wilbertz, Bochumer Frauen. Bochum, 1991.

Ausgabe 07.2008

 

Video - Das Gesicht 2010

Video - Das Gesicht 2009