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Kinderkrankheiten

wen haben sie nicht schon gequält? Ich kann mich noch gut an meine Mumps-Erkrankung erinnern, die mich im zarten Alter von acht Jahren ereilte. Das Gesicht groß wie eine Kartoffel, schüttelt es mich noch heute bei dem Gedanken an den damaligen Blick in den Spiegel. Um die lieben Kleinen vor derartigen Erfahrungen zu schützen, empfiehlt es sich, die fiesen Bakterien direkt im Keim zu ersticken und die durchaus umstrittenen Impfungen in Kauf zu nehmen.

Leider vergesse ich dabei häufig, dass mein Sohn äußerst missmutig auf derartige Angriffe reagiert. "Spritzen? Nee, das mache ich nicht" ist noch das harmloseste, was mein männlicher Nachkomme dann entsetzt von sich gibt. Gut zureden macht wenig Sinn und so sitze ich erst nach einigen zähen Verhandlungen und kostenintensiven Versprechungen im überfüllten Wartezimmer. Die angenehme Ruhe währt so lange, bis die fiese Arzthelferin, die ja eigentlich nur Jans Bestes will, mit dem Desinfektionsmittel um die Ecke biegt und anfängt, großräumig den Arm (der Po ist absolute Sperrzone) abzureiben. Ein kreischendes "das brennt" folgt und ich gebe zu, dass ich die Arzthelferin um ihre stoische Ruhe beneide. "Gleich hast du es geschafft" flötend, zieht sie die Spritze auf und ich frage mich, welcher Umstand ihr zu einer derartig positiven Lebensführung verhilft. "Ich mache das nicht" wütet dann auch mein angesäuertes Kind und durch einen Tränenschleier sehe ich die nächste Ebbe in meinem Portemonnaie herbeieilen. "Ich kaufe dir auch etwas", verzweifelte Versprechungen und Schicksalsfügung einer entnervten Mutter und ein überhebliches Grinsen eines kleinen Monsters. Gesagt, getan: Spritze rein, Kind steht unter Schock. Die eigentlich harmlose Vorsorge kostete mich dann einen ganzen Vormittag, einige Spritzen zum Zwecke eines Blutbildes folgten und meine Schuldgefühle waren so groß wie der Mount Everest. Jans Arm glich einem Schweizer Käse, bei allen Tränen war er ausgetrocknet wie ein Schwamm in der Sonne und ich schlich, mea culpa, neben meinem vorwurfsvollen Sohn her. "Dann darfst du dir ja jetzt etwas aussuchen", entgegen aller Vernunft und Erziehungsbücher ein beliebtes Druckmittel bei liebenden Müttern und ausgezeichnet geeignet, um ein schlechtes Gewissen zu mildern. "Schon gut, du hast es ja nicht böse gemeint. Und so schrecklich krank wie du damals möchte ich ja auch nicht werden", grinste der liebste aller Söhne erwachsen und ich sah mich gezwungen, meinen kleinen Sonnenschein in den Arm zu nehmen und entgegen aller Wehrungen öffentlich zu küssen. Meine eigene Moral von der Geschichte: Um Kinder zu schützen, ist es manchmal erforderlich, unangenehme Wege zu gehen. Aber wenn das Vertrauen und die Liebe zueinander da sind, verstehen auch die kleinen Menschen, dass man eigentlich nur das Beste will!

Ausgabe 11. 2008

 

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