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Die guten, alten Zeiten

Es gibt Tage, da sehne ich mich nach den guten alten Zeiten zurück. Das sind meist diese Stunden, in denen meine liebe Freundin Anna vollkommen aufgelöst anruft und mir von ihrer neuen großen Liebe erzählt. Dazu muss ich sagen, dass Anna drei Mal geschieden ist, zwei Kinder von unterschiedlichen Vätern hat und auf dem freien Markt wegen ihrer oft sehr direkten Art eher schlecht an den Mann zu bringen ist.

Aber: Es gibt ja das Internet, insbesondere die sogenannten Flirtplattformen, in denen Anna vermeintlich jeden Monat einmal ihren ganz persönlichen Mr. Right trifft. Ich möchte an dieser Stelle nicht den Eindruck erwecken, dass ich meiner lieben Freundin diese Aufruhr an Gefühlen nicht gönne, im Gegenteil: Sie ist ein herzensguter Mensch und es wäre echt an der Zeit, dass sie die große Liebe ereilt. Leider hat Anna die zweifelhafte Gabe, immer diese Prinzen zu erhören, die sich als absolute Niete entpuppen. Nehmen wir mal Klaus. Noch bis vor zwei Monaten Number One meiner liebsten Freundin: groß, dunkelhaarig, Akademiker, keine Kinder, Mitte dreißig, spontan und kontaktfreudig. So weit die Beschreibung in einer der "Sie sucht Ihn" Foren. Auch das Foto, das Anna ergeben auf mein Generve hin anforderte, ließ einen Volltreffer vermuten, und die liebste Freundin erbrannte lichterloh. Das "Kläuschen", wie schon liebevoll gezwitschert wurde, wohnte in Hamburg, und gute vier Wochen nach täglichem Email-Verkehr, stundenlangen Gesprächen und blank liegenden Nerven meinerseits machten wir uns auf den Weg in die Hansestadt, um Annas Traumprinzen einen Überraschungsbesuch abzustatten. Eigentlich totaler Unsinn, denn spätestens seit dem ersten Liebeskummer weiß Frau, dass spontane Besuche bei Männern fast immer im Desaster enden. Was soll ich sagen? Auch Anna ereilte dieses Schicksal, denn statt Kläuschen machte ein untersetzter, glatzköpfiger Typ in den 50ern die Tür auf und prallte erschrocken zurück, als er seine "Zuckerschnecke" erkannte. Der Alster drohte Hochwasser, das "Zuckerschneckchen" löste sich in Tränen auf und mein Wochenende war gelaufen. Eigentlich sollte man meinen, dass Anna damit geheilt wäre. Doch weit gefehlt: Kurze Zeit später meldete sich Thorsten, ein netter Kollege aus der Schulzeit, der unsere Anna auch mittels Internet ausfindig gemacht hatte. Gut, Thorsten war früher langweilig, ein wenig dick und pickelig, aber er war ja auch älter geworden und die liebe Freundin ließ sich auf ein flirtiges Geplänkel ein. Man schrieb und telefonierte, traf sich und wieder einmal war sich Anna sicher, der Mann fürs Leben sei gefunden. So lange, bis sie Thorsten mit Familie in der Stadt traf, ihn wütend mit Bier beschüttete und eine wochenlange Depression sowie Hausverbot folgte. Ja, das sind die Tage, in denen ich mich nach den guten alten Zeiten zurücksehne. Männer lernte man bei Freunden, in Cafes oder bei der Arbeit kennen, man konnte sich einen direkten Eindruck verschaffen und wurde nicht Opfer möglicher Phantasien. Ich habe Anna jetzt erst einmal aus allen möglichen Foren abgemeldet und werde doch öfter mal mit ihr rausgehen. Vielleicht trifft sie ja irgendwo ihren Mr. Right und glaubt man den Ratschlägen unserer glücklich verheirateten Freundin, sollte Sie sich in den Abendstunden öfter mal im Supermarkt aufhalten. Weiblich, ledig, jung...sucht! Nur die Kinderschokolade für die Kleinen kaufen wir dann doch lieber woanders.

Ausgabe 10. 2008

 

 

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