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Die Grenzgängerin: Thrillerautorin Tess Gerritsen

Tess Gerritsen wird im angelsächsischem Literaturraum in einem Atemzug mit Karin Slaughter oder Val McDermid genannt. Hierzulande haftet der 55jährigen Amerikanerin allerdings noch immer das Etikett des Geheimtipps an. Was nicht verwundert, denn deutsche Leser bevorzugen klare Genregrenzen, die Gerritsen jedoch sehr gern sprengt. Ihren internationalen Durchbruch verdankt sie ihren Medical Thrillern, in deren Mittelpunkt die Gerichtsmedizinerin Maura Isles und die Polizistin Jane Rizzoli stehen.

 Das sind klar strukturierte, stets akkurat recherchierte Spannungsromane. Auf der anderen Seite aber scheut die Autorin nicht davor zurück, in einem Roman wie "In der Schwebe" Astronauten der ISS mit einen außerirdischen Krankheitserreger zu konfrontieren, was den durchschnittlichen Thrillerkonsumenten irritieren mag. Auch ihr neuer Roman "Leichenraub" lässt sich schwer in eine Form pressen: Ihre Protagonistin Maura Isles entdeckt nämlich einen Mord, der 180 Jahre zurückliegt und im Milieu der Medizinstudenten von Boston geschehen ist. Hat in der Ostküstenstadt seinerzeit etwa ein amerikanischer Jack the Ripper sein Unwesen getrieben? Mit dem Schreiben begann die studierte Medizinerin nach der Geburt ihres ersten Sohnes Ende der 80er Jahre. Heute lebt die Mutter zweier Söhne mit ihrem Ehemann in Neu-England.

In Ihrem neuen Roman widmen Sie sich sehr ausführlich den medizinischen Zuständen in amerikanischen Krankenhäusern vor rund 180 Jahren. Sie nehmen sich sehr viel Zeit für diese Ausflüge in die Geschichte der Medizin.

Wir können uns heute in einem Land wie den USA nicht mehr vorstellen, dass noch vor 50, 60 Jahren bei jeder Geburt ein ernstzunehmendes Risiko für die Gesundheit der Mutter bestand. Heute sind diese Risiken auf ein solches Minimum reduziert, dass sich keine werdende Mutter darüber Gedanken machen müsste. Wenn aber schon vor 60 Jahren noch ein nicht zu unterschätzendes Risiko bestand, wie sah es dann erst vor 180 Jahren aus? Diese Frage hat mich fasziniert.

Diese Thematik hätten Sie aber auch in einem Sachbuch oder einem historischen Roman verarbeiten können...

(Lacht) Nein, wer will ein Sachbuch von Tess Gerritsen lesen? Meine Leserschaft erwartet nun einmal, dass ich sie auf eine literarische Tour de force mitnehme, sie grusle, erschrecke, ihnen Angst mache.

Ihre Romane weisen oft eine unglaubliche Kälte auf, wenn Sie sich den medizinischen Fakten nähern. Das steht im Kontrast zur Emotionalität ihrer Figuren...

Ich brauche einfach starke Emotionen. Ich suche für jeden Roman nach einem Thema, das mich mitreißt, das Emotionen in mir erzeugt. Es kann etwas Anrührendes sein – aber auch etwas, das mich wütend macht. Die Idee zu meinem Roman "Scheintot" entstand beispielsweise, als ich die Geschichte einer jungen Frau las, die für tot erklärt worden war, obwohl sie sich nur in einem Schockzustand befand. Für die betroffene Frau war dies der ultimative Albtraum, niemand aber versetzte sich in die Situation des Arztes hinein, der diese Fehldiagnose gestellt hatte. Was ich tat, weil ich mir überlegte – wie würdest du reagieren, wenn dir dieser Fehler unterlaufen wäre? So entwickelte sich eine Geschichte.

In deren Mittelpunkt dann wieder ein Serienkiller stand. Was macht diese Personen für Sie als Autorin, aber mehr noch für die amerikanische Leserschaft so interessant?

Ich bin mir nicht sicher. Möglicherweise ist er einfach nur die amerikanisierte Version klassischer Monster. Als Romanfigur durchbricht er darüber hinaus die Grenzen zwischen Horror- und Kriminalliteratur. Wahrscheinlich ist es einfach das Böse in uns, das uns erschreckt und gleichzeitig fasziniert. Und in der Figur des Serienkillers spiegelt sich dieser Schrecken personifiziert wider. Warum faszinieren uns heute noch die Märchen der Gebrüder Grimm? Weil sie unsere Ängste reflektieren.

Auf der anderen Seite kann man aber auch bemängeln, dass der Markt in den letzten 15 Jahren förmlich von solchen Romanen überschwemmt worden ist.

Da widerspreche ich Ihnen nicht. Aber betrachten Sie dies einmal aus der Perspektive des Verlegers, der mit seinen Romanen Geld verdienen will. Als Autorin bin ich oft hin- und hergerissen zwischen dem, was mein Verleger erwartet, was meine Leser wollen und was ich selbst schreiben möchte. Wenn Sie mich fragen, ob ich Serienkillerromane schreibe, lautet die Antwort: Nein. Wenn Sie anmerken, dass in meinen Romanen aber immer wieder Serienkiller eine zentrale Rolle spielen, sage ich: Ja. Ich bevorzuge es, meine Romane Medical Thriller zu nennen. Es geht mir darum, die Leser am Zusammensetzen eines Puzzles zu beteiligen. Und da ich Medizin studiert habe, liegt ein Schwerpunkt meines persönlichen Interesses auf medizinischen Themen.

In Deutschland werden Sie in erster Linie als Autorin von Romanen wahrgenommen, die sich an eine weibliche Leserschaft wenden, was den Inhalten Ihrer Romane nur in der Form entspricht, dass Ihre wiederkehrenden Protagonisten Frauen sind.

(Lacht) Ich bekomme gerade aus Deutschland recht viele Fanmails von Männern. Der von ihnen beschriebene Eindruck entsteht, wenn Frauenzeitschriften über Autorinnen berichten. Eine Frauenzeitschrift berichtet über eine Autorin – dann wird die Frau wohl für Frauen schreiben, heißt es dann. Vielleicht lesen Frauen aber einfach auch mehr als Männer.

Sie haben viel riskiert, als Sie Ihre sichere Arbeit als Ärztin aufgegeben haben. Haben Sie jemals Angst gehabt, dass Sie diesen Schritt eines Tages bereuen würden?

Mein Mann ist ebenfalls Mediziner, so betrachtet hatten wir unser Auskommen. Als ich an dem Punkt angelangt war, der von mir eine Entscheidung für die Arbeit im Krankenhaus oder als Autorin verlangte, sagte mir mein Mann, dass er hundertprozentig hinter mir stehen würde. Ich habe nie an ihm gezweifelt und er nie an mir. Daher brauchte ich keine Angst haben.

Und wohin führt Sie das nächste Projekt?

Ich habe drei Jane-Rizzoli-Projekte in der Schublade liegen und die entsprechenden Verträge unterzeichnet. Auf der anderen Seite habe ich seit Jahren kaum einen Tag ohne Arbeit verbracht, daher genieße ich zurzeit einfach eine Pause, gebe Interviews, arbeite im Garten und lasse es mir gut gehen, wenn ich ehrlich sein darf. Allerdings gibt es noch ein Projekt, an das ich mich langsam herantaste. Ich werde wahrscheinlich einen Roman für junge Erwachsene schreiben. Das ist sehr reizvoll, da auf diesem Markt viel experimentiert wird und Kreativität gefragt ist. Um was gehen wird, verrate ich aber noch nicht.

Text: Christian Lukas

Ausgabe 01/09

 

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