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Die vergessenen Kinder

Betül Durmaz ist 42 Jahre alt, Muslimin, alleinerziehende Mutter eines Kindes und Lehrerin an einer Förderschule in Gelsenkirchen. Durch ein Interview in der „Taz“ wurde der Herder Verlag auf sie aufmerksam und bat sie, über ihre Arbeit an der Schule ein Buch zu schreiben. Nach einigem Zögern tat Durmaz das. Mit Erfolg. Eine Frau der weichen Floskeln ist sie nicht, sie benennt die Dinge wie sie sie sieht. Und auch wenn es keine einzig gute Lösung für das Problem „Integration“ gibt, so hat Durmaz da so ein paar Ideen ... Denn die Gründe für das Problem sieht sie jeden Tag während ihrer Arbeit

Frau Durmaz, Sie sind Lehrerin in einer Förderschule. Was erleben Sie da alltäglich?

Wir haben beispielsweise ein Kind, das in diesem kalten Winter mit zerrissenen Fußballschuhen zur Schule kam. Ohne Socken übrigens. Gleichzeitig wussten wir, dass die Eltern bei der „Supernanny“ mitgemacht hatten – und dafür bekommen die Familien einige Tausend Euro. Als das Kind nach einiger Zeit immer noch keine neuen Schuhe hatte, habe ich ihm welche von meinem Sohn mitgebracht. Alles was die Familie dazu sagte war: „Die nächste Anschaffung wären bestimmt die Schuhe gewesen.“ Aber bis dahin waren Computer und Flachbildschirm-Fernseher wichtiger. Oder: Kürzlich haben wir einen Jungen vom Unterricht beurlaubt – das ist eine der letzten Sanktionsmöglichkeiten, die wir haben. Den Schülern macht das häufig sogar etwas aus, es trifft sie. Der Vater aber sagte in dem Fall nur, als wir ihn darüber unterrichteten: „Ach, machen Sie doch, was Sie für richtig halten“. Oder: Die Freundin eines 17-Jährigen war schwanger, er nahm seit Jahren Ritalin (gegen das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) und war sehr schwierig im Umgang. Das Mädchen wog nur 42 Kilo während der Schwangerschaft und wir haben uns Sorgen gemacht, ob sie das körperlich überhaupt schaffen kann. Sonst hat das aber niemanden interessiert. Und ich frage Sie: Welche Chance soll das Kind dieser beiden Kinder haben? Von solchen Geschichten könnte ich ewig viele erzählen. Und das nicht nur ich: Auf das Buch erhielt ich zahlreiche Reaktionen aus dem ganzen Bundesgebiet. Viele Kollegen erklärten: diese Problematik erleben wir hier auch.

 

Warum sind die Kinder und Jugendlichen wie sie sind?

Die Eltern sind oft einfach mit der Erziehung der Kinder überfordert. Und das gilt nicht nur für die Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund. Oft ist es den Eltern schlicht egal, was das Kind macht, wo es ist oder ob es überhaupt zur Schule geht. Regeln und Verhaltensweisen lernen Kinder zu Hause nicht kennen. Sie werden nicht geweckt, damit sie in die Schule gehen. Niemanden kümmert, was sie den ganzen Tag machen. Oder sie werden dafür abgestellt, auf die kleineren Kinder der Familie aufzupassen oder den Haushalt zu führen, anstatt in die Schule zu gehen. Wie sollen sie da Wissen erwerben und woran sollen sie sich da orientieren? Viele unserer Schüler sind hin und her gerissen zwischen den Schulregeln und ihren tradierten Rollen. Und sie finden so keinen Halt. In der Schule trainieren wir deshalb zu 80 Prozent Sozialverhalten.

Dabei denke ich, 50 Prozent unserer Schüler könnten einen guten Abschluss machen, da bin ich mir ganz sicher. Dann hätten sie alle Möglichkeiten. Aber aufgrund ihrer Lebensbedingungen erhalten sie dafür nicht einmal die Chance. Dass es ein Kind oder Jugendlicher aus eigener Kraft schafft aus dem Teufelskreis auszubrechen, ist leider sehr selten.

 

Immerhin 30 Prozent Ihrer Schüler haben keinen Migrationshintergrund. Findet denn eine Durchmischung auf dem Schulhof statt?

Viele unserer Schüler kommen aus strenggläubigen Familien mit sehr traditionellen Rollenbildern und -verhalten. Die Muslime bleiben unter sich und die Deutschen auch. Freundschaften mit deutschen Kindern oder Jugendlichen werden nicht angestrebt. Wissenschaftliche Untersuchungen haben auch gezeigt, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schlecht gestellten Schichten immer Sündenböcke unter ihresgleichen suchen. So bilden sie Cliquen auf dem Schulhof und bauen sich die eigenen Strukturen, in denen sie sich bekämpfen. Religion ist hier zwar identitätsstiftend, aber gleichzeitig ausgrenzend. „Christ“ ist für Muslime ein Schimpfwort. Deshalb: Nein, es findet keine Mischung statt.

 

Sie sind Muslimin, tragen kein Kopftuch und leben ein Leben, das nach außen doch recht deutsch anmutet? Wie passt das Bild für Ihre Schüler?

Da gibt es zwei Möglichkeiten. Für die einen bin ich Vorbild. Eine, die es geschafft hat. Für die anderen bin ich eine Reizfigur, eine die sich nicht an die (Glaubens)Regeln hält. Kürzlich bin ich sogar derart von Schülern bedroht worden, dass ich sie angezeigt habe. Wir haben das dann vor Gericht ausgefochten. In meinem Beruf bewahre ich meine politische und religiöse Neutralität. Das halte ich für sehr wichtig. Denn trotz aller Abneigung mir gegenüber – teilweise jedenfalls –, beobachte ich doch etwa Folgendes: Trage ich an einem Tag zwei Zöpfe, flechten sich viele Mädchen in den kommenden Tagen auch die Haare. Das zeigt mir, ich habe eine Vorbildrolle. Also versuche ich, mein Verhalten vorbildhaft im Sinne von tolerant und aufmerksam auszurichten.

 

Was muss denn für eine bessere Integration getan werden?

Jedenfalls muss mehr getan werden, als nur über Integration zu reden – wie es die meisten Politiker meiner Meinung nach tun.

Beide Seiten müssen zur Integration beitragen. Da ist zum einen die Holschuld der aufnehmenden Gesellschaft, also in unserem Fall Deutschland. Das Land muss dafür sorgen, dass für Zuziehende geeignete Strukturen da sind, in denen sie konstruktiv lernen können. Auch die Ghettoisierung muss abgebaut werden. Verpflichtend sein muss der Kindergartenbesuch für alle Kinder – auch und gerade für Kinder mit Migrationshintergrund. Sonst kommen sie mit sechs Jahren in die Schule, sprechen die Sprache Deutsch kaum und kennen keine Regeln.

Zum anderen haben die Migranten eine Bringschuld. Sie müssen bereit sein, sich zu integrieren. Und dazu gehört vor allem auch, dass sie die Sprache des aufnehmenden Landes lernen. Praktisch kann das heißen, dass auch Erwachsene zu Deutschkursen verpflichtet werden. Dabei kann man sich nicht immer auf Freiwilligkeit verlassen. Deshalb kann man ruhig sagen: Wer den Deutsch-Kurs nicht erfolgreich abschließt – z.B. mit einem Test – muss ihn selbst bezahlen. Das würde den Druck schon enorm erhöhen. Nicht dass wir uns falsch verstehen, Verständnis für andere Kulturen ist natürlich gut und wichtig, aber zu viel Verständnis führt zu nichts. Man muss fordern und fördern!

Auch schulpolitisch sehe ich viele Möglichkeiten, wie man zu einer besseren Integration beitragen kann: Die Klassen müssen viel kleiner werden. Die Eltern bekommen mehr Auflagen, wie sie ihre Kinder unterstützen können bzw. müssen. Zudem: Der Erzieherinnenberuf muss aufgewertet werden. Denn: Wer heute – auch unter den Absolventen mit Migrationshintergrund – einen guten Abschluss macht, der lernt einen lukrativen Beruf wie Rechtsanwalt oder Arzt. Er wird nicht Lehrer oder Erzieher.

 

Was wünschen Sie Ihren Schülern?

Ich wünsche mir, dass sie in der Lage sind, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Mit einer Würde, mit einer Arbeit. Denn diese Perspektivlosigkeit, ich glaube, die führt zu einer Entwürdigung der Menschen. Und ich wünsche, dass sie sich ihren Lebensunterhalt erstreiten, Selbstbewusstsein bekommen.

 

Was wünschen Sie den Eltern Ihrer Schüler?

Ich wünsche mir, dass sie sich mehr engagieren für ihre Kinder. Und dass sie für sie die Verantwortung übernehmen. Und sei es dadurch, dass sie morgens mit ihnen aufstehen, mit ihnen frühstücken, mit ihnen die Hausaufgaben machen und ihre Kinder nicht einfach vergessen. Bei meiner Klientel spreche ich immer von den „vergessenen Kindern.“

 

Was wünschen Sie denn der Gesellschaft?

Ich wünsche mir, dass die Menschen aufhören, einseitige Schuldzuweisungen zu treffen. Die einzelnen politischen Parteien schieben sich gerne mal den Schwarzen Peter zu ... Die Integrationsproblematik besteht nicht seit gestern und ich wünsche mir, dass wir das Problem angehen und nicht nur Schuldige suchen.

Ausgabe 05-2011

 

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