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Wenn Liebe rostet

Am Anfang der Beziehung hängt der Himmel voller Geigen. Wir haben Schmetterlinge im Bauch und freuen uns auf jeden Moment, den wir mit unserem neuen Glück verbringen können. Man zieht zusammen – mit oder ohne Trauschein – und damit zieht auch das ganz normale Leben in die Beziehung ein. Die Eigenheiten des Partners, die wir vorher gar nicht so bemerkt haben, fallen uns jetzt, vielleicht gar als unangenehm und störend, auf. Überall lässt er seine getragenen Socken liegen, Currywurst-Pommes ist seine Leibspeise und auf seine Kollegen, mit denen immer häufiger zum Fußballplatz geht, lässt er sowieso nichts kommen. Abends sitzt er mit Begeisterung vor dem Computer oder Fernseher, um sich nach einem harten Tag actionmäßig berieseln zu lassen. Sein Schnarchen ist zuweilen unerträglich.

Leidenschaft und Erotik sind irgendwo im Alltagstrott untergegangen. Und mit knapp 40 Jahren fühlt er sich noch viel zu jung für Kinder. Dem Partner geht es oft nicht anders.

Auch er bemerkt die Eigenheiten der Partnerin und auch er empfindet diese "Macken" vielleicht als "irgendwie nervend". Etwa, wenn sie Stunden "ich hab’ einfach nichts anzuziehen" nörgelnd vor dem Kleiderschrank verbringt. Wenn sie aus kosmetischen Gründen das Bad blockiert. Wenn sie anfängt ihren Partner erziehen zu wollen, die Chipstüten versteckt, ihm alkoholfreies Bier mitbringt und ihm gesunde Sachen, wie Salat und Gemüse vorsetzt. Anfangs sind es vielleicht nur diese, für sich genommen, lächerlichen Kleinigkeiten, die sich jedoch im Laufe der Zeit summieren. Zwei eigenständige Persönlichkeiten treffen aufeinander und versuchen ein gemeinsames Leben hinzukriegen. Vielleicht ist das die größte Herausforderung überhaupt? Und auch das, woran wir sehr oft scheitern. Dabei wünschen wir uns meist nichts mehr als eine glückliche Partnerschaft. Den passenden Deckel zum Topf, unsere vermisste andere Hälfte, den Gegenpol, aber auch das Spiegelbild. Trotzdem sind Paare irgendwann einfach am Ende ihrer Beziehung – sind wie Feuer und Wasser oder Katze und Maus. Ständige Nörgeleien oder Gleichgültigkeit bestimmen das Miteinander, das eigentlich keines mehr ist. Wo sind die schönen Zeiten hin? Die Träume, die man hatte? Jetzt regiert der Frust. Und man wird von der vielleicht alles ändernden, quälenden Frage heimgesucht: "Hat das alles noch einen Sinn"? Sollen wir uns trennen oder gibt es noch eine Chance? Meist ist ein Paar dann an einen Punkt gelangt, an dem die Probleme so turmhoch angehäuft und unlösbar erscheinen. Manche Paare machen dann den "Schnitt". Das gemeinsame Konto wird aufgelöst, das gemeinsame Haus verkauft, jeder packt seine Brocken zusammen, möglicherweise streitet man noch um die Habseligkeiten und dann geht’s wieder rein ins Single-Leben. Restart! Auf ein Neues! Getreu dem Motto: "Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was Besseres findet"! Andere Paare wiederum versuchen zu retten, was zu retten ist. Die Krise als Chance. Schließlich hat man auch glückliche Zeiten miteinander erlebt. Aber was ist, wenn man sich wie Sysiphus fühlt und den Berg der Probleme nicht zu überwinden weiß; wenn man sich noch mag oder gar liebt, aber nicht mehr miteinander reden kann, weil die Fronten verhärtet sind, weil man sich nicht traut, zu reden, zu sagen, was einem missfällt und nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen, Kompromisse zu finden. Vielleicht fehlt ja einfach nur ein Moderator. Jemand, der beide Parteien ernst nimmt in ihren ganz persönlichen Bedürfnissen, Ängsten, Wünschen, Hoffnungen. Eine Art Übersetzer und Diplomat. Jemand, der hilft Probleme zu erkennen. Jemand, der professionelle Hilfe gibt und eine eine objektive und neue Sichtweise auf ein Problem bietet. So jemand ist der Paartherapeut Stefan Kirner (46). In seiner Praxis in Essen-Rüttenscheid berät er Paare, die in ihrer Beziehung allein nicht mehr weiterkommen. Woman In The City ist, wie gewohnt, neugierig.

Wann ersucht Sie ein Paar um Hilfe - erst wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist oder wird der Handlungsbedarf schon früher erkannt?

Leider ist es immer noch so, dass Paare erst in einer akuten, oft eskalierten, Krise eine Eheberatung oder Paartherapie in Anspruch nehmen. Ein anderer wichtiger Bereich ist die Familienplanung, aber oft sind es auch unerwartete Erschütterungen, wie der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine Krankheit, die Paare dazu bringen, sich mit ihrer Lebensgestaltung zu beschäftigen. Diese Gruppe kommt relativ zeitnah, wenn die Störung auftritt.

Wir nehmen an, dass es zumeist die Frauen sind, die hier initiativ werden. Können Sie das bestätigen?

Ja, nach wie vor sind es überwiegend die Frauen, die die Initiative ergreifen. Manchmal kommen sie allein. Das funktioniert auch. Es geht immer um einen individuellen Veränderungsprozess. Das bedeutet, wenn ich mich verändere, hat das Auswirkungen auf die Beziehung und Veränderung des Partners. Frauen sind im Allgemeinen mehr bereit, zu Hinterfragen und sind auf der Suche nach dem Verstehen. Sie legen auch großen Wert darauf, selber verstanden zu werden. Darüber hinaus haben Frauen in ihrer Sozialisation lernen können, sich auszutauschen und mitzuteilen, während der überwiegende Anteil der Männer auch heute noch versucht, Konflikte und Probleme mit sich selbst zu lösen.

Können Sie ein "Problemranking" geben? Sexuelle Probleme, Kommunikationsprobleme, Kinderwunsch, Vertrauensverlust…

Häufige Gründe sind ein Gefühl von Lieblosigkeit, der fehlende Austausch, fehlende Resonanz als Paar, gemischt mit dem Gefühl von Funktionalität und dadurch der Verlust des Gefühls von Lebendigkeit. Dafür wird dann meist der Partner verantwortlich gemacht. Das Thema Untreue oder "Fremdgehen" ist nach wie vor ein häufiger Auslöser, einen Paartherapeuten aufzusuchen.

Was sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Paartherapie und wie lange dauert diese?

Die Bereitschaft, sich mit sich selber, mit seinem eigenen Lebens- und Liebesweg zu beschäftigen und ggf. negative Beziehungsmuster zu durchbrechen, indem ich bereit bin, mein eigenes Verhalten in der Beziehung zu verändern. Erfahrungsgemäß sind die ersten 10 Sitzungen stark geprägt von Krisenintervention und der Konfliktanalyse. Je nachdem, wie vielschichtig und wie weit zurückgehend die Konflikte sind, kann der Prozess der Vergangenheitsbewältigung sich über Monate oder sogar Jahre ziehen, wobei die Frequenz der Sitzungen sich auf monatliche Treffen reduzieren. Wenn ich mit Paaren arbeite, so ist das ein offener und transparenter Prozess, an dem das Paar aktiv beteiligt ist und das Paar somit auch die Möglichkeit hat, Dauer und Frequenz der Therapie mitzugestalten.

Raten Sie einem Paar auch mal dazu, sich zu trennen, weil Sie keine Chance für ein weiteres Miteinander sehen? Beispielsweise wegen unvereinbarer Gegensätze?

Nein, ich rate Paaren weder sich zu trennen noch zusammen zu bleiben. Das ist letztlich die Entscheidung des Paares. Ich mache aber aufmerksam auf Störungen und Konflikte in der Beziehung, die gelöst werden sollten, damit ein miteinander leben nicht dahin führt, dass man selber Schaden nimmt durch Krankheit, Sucht oder Gewalt. Diese Gruppe kommt übrigens nicht zeitnah. Es dauert oft sehr lange, bis die Paare bemerken, dass sie Hilfe benötigen. Das ist ein längerer Entwicklungsprozess.

Was erwarten die Paare von Ihnen? Dass Sie die Beziehung retten? Patentrezepte für eine glückliche Partnerschaft?

Ganz häufig erwarten sie Patentrezepte, teilweise eine Art Richterfunktion, eine Form von Übersetzer: "Könnten Sie meinem Mann/meiner Frau nicht mal klar machen, dass … Das sind sicher oft die vordergründigen Erwartungen, aber im Grundsatz erwarten die meisten Paare die Entwicklung einer Kommunikations- und Konfliktfähigkeit.

Wie können Sie den Paaren helfen?

"Lernen am Modell", das heißt, ich versuche, die Partner in ihrer Individualität und Beziehungsdynamik verstehen zu lernen. Häufig lernen dabei die Partner sich selbst auch noch mal neu kennen. Oft ist es für ein Paar entlastend festzustellen, dass die Ursache für den aktuellen Konflikt in der Beziehung oft viel weiter zurückliegt. So weit, dass die Beziehung selbst nicht ursächlich verantwortlich ist. Das Erkennen von negativen Beziehungsmustern und Prägungen erleichtert Paaren auch eine bessere emotionale Abgrenzung und damit einen besseren Schutz vor Schuldzuweisungen und emotionalen Zuschreibungen.

Gibt es in der Partnerschaft DEN Punkt, an dem die Beziehung kippt und wie bemerkt man das?

Es gibt mehrere Punkte oder Phasen in unserem Leben, wo Beziehung ein hohes Krisenpotential hat. Nach der ersten Emotionswelle, der Zeit des Kennenlernens - der Phase der Hingabe - wird die Alltagstauglichkeit der Beziehung geprüft. Darauf folgt die Phase des Aufbaus, der gemeinsamen Lebens-, Berufs- und Familienplanung. Im Laufe dieser Phase stellt sich die Frage nach Erfolg und Zufriedenheit – auch für die Beziehung. Was zum Großteil in unserer Lebensmitte stattfindet und Auslöser einer Midlife-Crisis oder Beziehungskrise sein kann. Eine dritte sensible Beziehungsphase ist der Wechsel in das gemeinsame Altern, wo das Bewusstsein für Zweisamkeit und Partnerschaft häufig wiederbelebt werden muss/kann oder vielleicht auch erst wieder neu erlebbar gemacht werden muss/soll.

Was ist Ihr Rezept für eine glückliche, erfüllte Partnerschaft?

Ein ganz wichtiger Baustein für eine gute Beziehung ist das Entwickeln einer konstruktiven Konfliktfähigkeit, weshalb auch der Anteil am Kommunikationstraining innerhalb der Paartherapie eine große Bedeutung hat. Unabhängig davon gilt es, nach der eigenen inneren Zufriedenheit zu Streben sowie um den Erhalt des bedingungslosen Annehmens des Partners mit dem Gefühl, "schön, dass es dich gibt".

Ausgabe 03 - 09

 

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