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Ruf mich an!!!

Im mitternächtlichen TV-Programm ist Werbung für Sex-Hotlines längst alltäglich geworden. Vielleicht nimmt nur die Tabulosigkeit zu. Auch fragmentierte Zielgruppen sollen angesprochen werden, so etwa mit "Willst du Sex mit Oma, dann wähle...". Shopping-Kanäle, Astro- und Lebenshilfe-Sendungen – es gibt nichts, was es nicht gibt. Ein echter Knaller sind allerdings die hohlen Spielshows, die einzig und allein dem Profit des Senders dienen.

 

Neulich zappe ich mich gegen ein Uhr nachts durchs TV-Programm und bleibe bei "Kabel eins" hängen. "Rufen Sie jetzt an, das kann doch nicht so schwer sein. Gesucht wird ein weiblicher Vorname, mit a als zweiten Buchstaben", animiert ein blonder Mittdreißiger im schwarzen Hemd und grauen Anzug die Zuschauer. "Sarah, Maria und Manuela wurden bereits genannt. Sieben Namen sind noch offen, sieben Namen, meine Damen und Herren," ereifert sich der Animateur und zeigt auf eine Tafel, auf der die drei Namen stehen und 7 weitere Namen durch Schilder verdeckt sind. Über den Bildschirm flimmern Laufbänder mit "Geld Sofort" und "in 10 Stunden auf Ihrem Konto". Zwischendurch zoomt die Kamera auf ein Fließband mit 50, 100, 200 und 500 Euro-Scheinen, die am Ende des Bands in einen Sammelbehälter fallen. "Das ist der Wahnsinn, ich flipp total aus", schreit nun der blonde Anzugträger. "Es klingelt, es klingelt, ja hallo, wer ist dran?" Der Anrufer nennt seinen Namen und die Geld-Line – es sind 3 Leitungen freigeschaltet – und den Vornamen Katja. Der Entertainer beißt sich vor Aufregung scheinbar fast die Zunge ab und sagt: "Neeeiiiin, nicht Katja!!! Aber bleiben Sie dran, Sie haben 10 Euro und ein Handy gewonnen". Fasziniert beobachtete ich, wie dieser Mensch mit nur 10 Sätzen, die er gebetsmühlenartig in leichten Variationen wiederholt, viele Minuten füllt, in denen rein gar nichts passiert. Ich koche mir einen Tee und irgendwann kommt mal wieder ein Anrufer durch. Ich nehme auch ich das Telefon und wähle die eingeblendete Nummer: "630 Euro – leider verloren ..." Ich lege auf. Wahlwiederholung: "1.100 Euro – leider verloren, versuchen Sie es noch einmal!" Ich versuche es noch 5 oder 6 Mal. Während dessen animiert die Gebetsmühle weiter, doch endlich diese einfache Namenssuche zu lösen und den satten Gewinn von inzwischen 5.000 Euro zuzüglich der erwischten Geld-Line – es sind angeblich nun 5 Lines freigeschaltet - zu kassieren. Minuten verstreichen. Ich langweile mich fast zu Tode, aber ich habe beschlossen durchzuhalten und den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich gehe das Alphabet durch: Carla, Daniela, Gaby, Hannelore, Jana, Karola ... Natalie, Patrizia ... und lasse mich hinreißen, noch einige Male die eingeblendete Nummer zu wählen und gut 10 Euro zu verbraten - ein Anruf kostet 50 Cent. Natürlich erfolglos. Dann: eine Anruferin, die den Namen Maya nennt und tatsächlich erfährt dieses selten langweilige Spiel einen Schwung, denn der Animateur bietet 100, 200, 300 und schließlich 400 Euro dafür, dass die Anruferin vorzeitig aufgibt. Die Anruferin beharrt auf Maya, und natürlich ist einer der gesuchten sieben Namen auch nicht Maya. Etwas später nochmals die gleiche Nummer mit Karola, wobei die Anruferin die ihr gebotenen 500 Euro annimmt. Clever, denn es ist auch nicht Karola. Natürlich nicht. "Meine Damen und Herren, die Show neigt sich dem Ende zu, der erste der jetzt anruft und einen dieser 7 Namen nennt, erhält 10.000 Euro und noch die Summe der Geld-Line. Das ist der Wahnsinn"! Inzwischen sind 9 Leitungen freigeschaltet, 5.000 Euro die höchste Leitung, die man treffen kann. Nach meiner eigenen Telefonerfahrung rechne ich hoch, dass es mindestens 500 Leitungen sein müssen und 9 davon sind angeblich freigeschaltet. Ich grüble über die Technik nach. Schließlich kommt ja der eine oder andere auch mal durch. Zufallsgenerator oder alles sowieso "Fake"? Wenn 5.000 Menschen an diesem Abend anrufen und so wie ich "Blödi" 10 Euro ausgeben, dann sind das satte 50.000 Euro, überlege ich. Unfassbar. Was für ein Beschiss. "Ein weiblicher Vorname ..." tönt es weiter aus dem Fernseher. Er hat ja recht, denke ich. Selbst wenn es 70 weibliche Vornamen mit a als zweiten Buchstaben gibt, so ist die Chance, einen Treffer zu landen immerhin 1:10. Trotzdem sind die wenigen weiteren Anrufer ebenso erfolglos. Inzwischen ist es 2:45 Uhr am Morgen und der Animateur legt sich ein letztes Mal voll ins Zeug: "Ich bitte die noch anwesenden Zuschauer anzurufen. Das ist doch nicht so schwer! Ich flipp’ total aus, die Sendung ist gleich vorbei, wer kassiert jetzt das Geld, der erste, der nun anruft und einen der verdeckten sieben Namen nennt ... bla bla bla.

Jetzt endlich ist es soweit. Der Animateur bewegt sich zur Tafel, um die Lösung zu präsentieren. "Sarah, Maria, Manuela - und nun die sieben weiteren Namen: Varenka, Galatea, Gaia, Vanadis, Xaveria, Latona, Damaris. Ich springe vom Sofa auf und schreie "ich flipp’ aus, das ist Wahnsinn, das glaube ich jetzt nicht!" Und mit Unschuldsmine gesteht der Animateur: "Ich kannte die Namen auch nicht. Sie stammen wohl aus der griechischen Mythologie." Die Show ist vorbei, gewonnen hat keiner und kassiert hat der Sender.

Ausgabe 01/09

 

Video - Das Gesicht 2010

Video - Das Gesicht 2009