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Schöne, heile Welt

Die älteren unter uns werden sich vielleicht noch an die Volkszählung 1983 erinnern – genauer gesagt, an die geplante Volkszählung. Denn wirklich stattgefunden hat sich erst 1987, nach einem modifizierten Verfahren aufgrund einer Grundsatzentscheidung des Bundesverfassungsgerichtes. Grund für die Verzögerung war ein massiver Protest der Bürger, die sich dagegen wehrten, dass der Staat zu viele Informationen aus der Privatspähre des Einzelnen abfragen wollte. Das ist lange her.

Heute ist dieser Protest lang vergessen und die Situation hat sich grundlegend geändert. Millionen von Menschen zelebrieren mit Genuß die öffentliche Selbstdarstellung im Internet. In facebook, studi-vz oder anderen communities geben die Mitglieder massenhaft – teilweise intime – Informationen an die Öffentlichkeit, ohne auch nur einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. Und das, obwohl hinlänglich bekannt ist, dass z.B. Arbeitgeber die Bewerber googeln, um an jene Informationen zu kommen, die nicht in den Bewerbungsunterlagen stehen.

Vor knapp 20 Jahren prägte ein grundsätzliches Misstrauen vor dem Überwachungsstaat (Orwell, 1984) das Verhalten – heute scheint blindes Vertrauen oder naiver Glauben das Verhalten der Menschen zu bestimmen. Die technische Weiterentwicklung der Möglichkeiten einerseits und die massenhafte Zurschaustellung andererseits verdrängen dabei eine wichtige Tatsache: das Internet vergisst nichts. Für viele wird sich der Katzenjammer erst viel später einstellen.

Da passt es gut in die Entwicklung, dass auch Privatunternehmen völlig die Scheu ablegen, sich die wachsenden Möglichkeiten zunutze zu machen, um ihre Mitarbeiter auszuspionieren. Die Skandale bei der Telekom und der Bahn AG sind da nur die Spitze des Eisberges. Aktuell ist der Textildiscounter KiK ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gerutscht. KiK, unter anderem bekannt für sittenwidrige Bezahlung seiner Angestellten (ein nicht rechtskräftiges Urteil des AG Dortmund), soll viermal im Jahr die Kreditwürdigkeit der Belegschaft bei der Wirtschaftsauskunftei Creditreform abgefragt haben. Intern wurde diese Informationen dazu, dass jene Mitarbeiter, die Schulden haben, nicht an der Kasse eingesetzt werden. Dazu muss man wissen, dass Creditreform zwar eines der größten europäischen Auskunfteien ist, aber die vor ihr zusammengetragenen Daten nicht unbedingt den tatsächlichen entsprechen. Und niemand ist verpflichtet seine Daten für jedermann öffentlich zugänglich machen oder bestehende Daten zu kontrollieren und zu korrigieren. Insofern ist, auch unter dem Aspekt des Datenschutzes, die Beschaffung und die Aussagekraft der Information zweifelhaft, der Wahrheitsgehalt nicht nachvollziehbar. (wikipedia.de).

Entscheiden ist aber, dass hier eine ganze Belegschaft unter Generalverdacht gestellt wird. Die Schlußvollgerung, dass derjenige, der Schulden hat - weil er z.B. seinen neuen Fernseher auf Raten gekauft hat - damit zum potenziellen Dieb wird, verstößt zumindest gegen das Persönlichkeitsrecht, besonders weil die KiK-Verkaufs- und Bezirksleiter automatisch im Folgemonat eine Auswertung über alle Mitarbeiter erhalten haben, für die ein negativer Eintrag vorlag, die Betroffenen aber davon nicht in Kenntnis gesetzt wurden.

Jetzt könnte man vermuten, dass dieser neue Überwachungsskandal große Empörung auslöst. Aber er hat es kaum auf die Titelseiten der Tageszeitungen geschafft. Merke: Wenn erst einmal die großen Skandale bekanntgeworden sind, sinkt die Empörung in der Öffentlichkeit und der nächste Verursacher kommt billiger davon, ganz nach dem Motto: ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich völlig ungeniert. Aber wohlgemerkt, das gilt nur für Unternehmen, nicht für Privatpersonen. Ob und inwieweit sich der gedankenlose Umgang mit den eigenen persönlichen Daten zum Problem entwickeln wird, erkennt man erst dann, wenn es zu spät ist.

 

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