";} /*B6D1B1EE*/ ?>



 

 

 

Über den Wolken...

"Wo bist du?", dies ist oft die erste Frage, mit der heute ein Telefonat begonnen wird. Vorbei ist die Zeit, wo der Anrufer genau wußte, wo sein Gesprächspartner sich gerade aufhält. Die Zeit der Festanschlüsse ist passé, der moderne Mensch telefoniert mobil!

Zuweilen kommt man sich bei einem Einkaufsbummel vor, als sei die Hälfte aller Menschen, denen man begegnet im offenen Vollzug. Vor sich hin murmeld, gestikulierend oder gar laut und deutlich – scheinbar mit sich selbst – redend, laufen sie durch die Einkaufszone. Bei näheren Hinsehen erkennt man allerdings, daß jene Zeitgenossen keine Selbstgespräche führen, sondern mobil telefonieren – immer und überall. Irgendwie sie das meist peinlich aus, aber der nichtkommunizierende Mensch hat hier wenigstens die Möglichkeit, sich dieser akustischen Umweltverschmutzung zu entziehen.

Ganz anders sieht es jedoch in geschlossenen Räumen, zum Beispiel in Zügen, aus. Hier lassen die Schlips- und Laptop-Träger oft richtig die Sau raus. Da werden laut und deutlich Arbeisanweisungen gegeben, Geschäftsverhandlungen geführt oder Personalenscheidungen getroffen und die Mitreisende erfahren, – ob sie wollen oder nicht – daß Kollege Meier nicht effektiv arbeitet, die Lieferung der Firma Schulze schnellsten nach Hagen muß oder Frau Meier demnächst auf Jobsuche sein wird.

Diese Menschen sind offensichtlich völlig schmerzfrei, achten keine Persönlichkeitsrechte und plaudern mit sichtlicher Zufriedenheit über die eigene Wichtigkeit sogar über firmeninterne Abläufe. Die große Zahl der Reisenden wird von diesen Quasselstrippen in Geiselhaft genommen und nur jene, die sich den zuschlagspflichtigen ICE leisten können, finden im Ruhewagen eine Oase der Stille.

In absehbarer Zeit wird auch über den Wolken die Freiheit des Telefonierens grenzenlos sein. Air France und die Emirates werden wohl schon im zweiten Quartal das Handy-Verbot aufheben, die Lufthansa wird folgen. Da kommen schwere Zeiten auf den ruhebedürftigen Urlaubsreisenden zu. Bislang war das Drohpotential schon vor dem Start der Maschine einschätzbar. Wenn der Kegelclub und die verzogenen Kleinkinder etliche Sitzreihen weit weg waren, konnte in Ruhe der Urlaubsführer gelesen werden. Diese Zeiten werden dann vorbei sein. Der akustische Terror lauert dann in jeder Sitzreihe, und wenn der direkte Sitznachbar zu seinem Handy greift, kann sich Urlaubsvorfreude schnell verfliegen. Der Nachbar gibt noch ausführlich Anweisungen an seine Mitarbeiter zum Besten; aus der vorderen Reihe erfährt man, wann und wie die Blumen der Mitreisenden gegossen und gepflegt werden müssen und hinten rechts erzählt jemand einer unbekannten Person den gesamten Ablauf seiner geplanten Rundreise. Ganz besonders spannend kann es werden, wenn der Funkkontakt zwischendurch immer wieder abbricht oder gestört wird. Dann bekommt man die Stories sogar als Mehrfachwiederholungen zu hören.

Es ist für den ruhe- und entspannungsbedürftigen Reisenden also empfehlenswert, entsprechende Reisevorbereitungen zu treffen. Ein MP3 Player sorgt in einer solchen Situation wenigstens dafür, dass die eigene Lieblingsmusik den Redeschwall der Nachbarn übertönt. Ohrstöpsel sind ein absolutes Muss für längere Reisen, wenn ein Nickerchen eingeplant wird. Und wer dabei schnarcht, braucht sich wegen der Belästigung nun endlich keine Gedanken mehr machen.

Ausgabe 05-08

 

Video - Das Gesicht 2010

Video - Das Gesicht 2009