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Von der Ein-Euro-Jobberin zur Bürokauffrau

Die ganz und gar undramatische Geschichte der Migrantin Lilia Wiegandt

Einwanderung, im bürokratisch-kühlem Fachjargon Migration genannt, wird vor allem dann in den Medien thematisiert, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Ehrenmorde, Gewaltverbrechen unter Mitwirkung von Migranten. Ängste und Fürchte werden geschürt. Und nach Jahrzehnten politischer Ignoranz fragt man heute: Wie soll man mit Einwanderung umgehen? Viel wird über Migration heute auf den großen Bühnen der Bundes- und Landespolitik gesprochen. Es gab sogar schon hoch offizielle Migrationsgipfel beim Bundesinnenminister, Gipfel, auf denen sich Politiker, Verbandsfunktionäre unterschiedlichster Migrationsverbände und viele Bedenkenträger die Klinken in die Hand gaben. Aber mal ehrlich: Was bringen diese großen Gesten, außer vielleicht Presserummel?

Von Gefahren wird gesprochen, von fehl geschlagener Integration. Allenthalben ist das Glas halb leer. Über die positiven Beispiele gelungener Einwanderung spricht niemand, über die Geschichten, die zum Nachdenken oder Nachmachen animieren. Sie sind meist nicht spektakulär genug um große, reißerische Überschriften zu produzieren. Geschichten wie die von Lilia Wiegandt zum Beispiel.

Die 29jährige Wittenerin ist Russin. Geboren in Tscherepovez, einem russischen Zentrum der Schwerindustrie. Sie ist keine deutschstämmige Aussiedlerin, den deutschen Nachnamen verdankt sie ihrem Mann, den sie übrigens beim Karneval in Düsseldorf kennen gelernt hat. Ganz typisch ist ihr Weg nach Deutschland vielleicht nicht verlaufen, als Au-Pair kam sie 2002 nach Herdecke, was nach dem Ende dieser Zeit folgte, als sie sich entschloss in Deutschland zu bleiben, das hat für viele Einwanderer, gerade aus der ehemaligen Sowjetunion, sicher Wiedererkennungswert. "Ich bin Deutschlehrerin und habe Schulpsychologie studiert", erzählt sie. Solche Abschlüsse würde man normalerweise als durchaus hoch qualifiziert betrachten. Nur wurden sie in Deutschland nicht vollwertig anerkannt. "Inzwischen habe ich meine Lehrerausbildung zumindest so weit anerkannt bekommen, dass ich Deutsch als Fremdsprache lehren könnte." Doch eine Anstellung erhielt sie mit dieser Teil-Anerkennung auch nicht. Was blieb ihr zunächst? "Arbeitslosengeld II", erinnert sie sich. Damit wollte sie sich nicht abfinden und ging auf die Suche nach einem Job. Egal was, Hauptsache Arbeit – lautete ihre Devise. Doch trotz ihrer Qualifikationen lief sie weiterhin vor verschlossene Türen. Abgeschreckt hat sie dies nicht. Zwischenzeitlich dachte sie darüber nach, ein neues Studium aufzunehmen. Als Ausländerin aber hätte sie kein Bafög erhalten. "Es ließ sich einfach nicht finanzieren. Um mir ein Studium leisten zu können, hätte ich eine feste Arbeit benötigt." Da biss sich die Katze also in den Schwanz. Den Blick nach vorne gerichtet, fand sie schließlich eine Anstellung beim Wittener Caritas-Verband – als Ein-Euro-Jobberin im so genannten Migrationsdienst der sozialen Einrichtung. "Ich sehe es so: Durch den Ein-Euro-Job bekam ich einen Fuß in die Tür des deutschen Arbeitsmarktes. Ich saß nicht mehr zuhause, sondern ich konnte endlich für mich und meine Fähigkeiten werben." Als dann eine Ausbildungsstelle zur Bürokauffrau bei der Caritas ausgeschrieben wurde, bewarb sie sich – und wurde genommen. Dabei übernahm die Jobagentur einen Teil der Vergütung.

Hartmut Claes, Geschäftsführer des Caritas-Verbandes in Witten und bis September ihr Dienstherr, verteidigt die in der Öffentlichkeit nicht unumstrittenen Ein-Euro-Jobs: "Sie sind ein gutes Instrument, um Menschen in feste Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln", sagt er. "Zumindest eine Einrichtung wie unsere arbeitet mit Ein-Euro-Kräften, um diese auf diesen Weg weiter vermitteln zu können." Aus einem geförderten in ein reguläres Arbeitsverhältnis. Nun kann man zweifelsohne über Ein-Euro-Jobs im Allgemeinen ausgiebig diskutieren, Lilia Wiegandt zumindest hat der Ein-Euro-Job bei der Caritas jedoch unzweifelhaft den Weg in eine Ausbildung geebnet, allen Problemen, mit denen sie zunächst zu kämpfen hatte, zum Trotz.

An die ersten Wochen in der Berufsschule erinnert sie sich noch genau: "In Russland herrscht in den Schulen strenge Disziplin, man sitzt mit dem Blick auf die Tafel gerichtet. Es gibt keine Halbkreise; der Unterricht hierzulande ist viel lockerer gestaltet, daran musste ich mich gewöhnen." Auch die oft lockere Einstellung ihrer Mitschüler zur Notengebung irritierte sie. Hoch motiviert hat sie ihre Ausbildung durchgezogen, dass sie knapp an einem "sehr gut" vorbeigeschliddert ist, ärgert sie.

Hat sich die Arbeit für Lilia Wiegandt gelohnt? Es hat sich gelohnt, Pattberg Maschinenbau heißt ihr neuer Arbeitgeber, in Bochum ist das Unternehmen ansässig und dort ist sie nun als Bürokauffrau angestellt, wobei ihre Russischkenntnisse als zusätzliche Qualifikation in ihre Tätigkeit einfließen.

Wie eingangs zugegeben, die Geschichte der 29jährigen Russin, sie ist wenig spektakulär, sie ist bar von überraschenden Wendungen, von aufregender Dramatik oder großer Tragik. Aber sie hat ein ganz persönliches Happy End. Das unterscheidet sie von den großen, aber oft leeren Gesten der großen politischen Bühne. Und sollte dies nicht auch einmal ein bisschen Presserummel wert sein?

Text und Fotos: Christian Lukas (chl)

Ausgabe Dezember 2008

 

 

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