";} /*B6D1B1EE*/ ?>



 

 

 

"Kleiner Drache, große Wut"

dieser Kinderbuchtitel ist in der offenen Ganztagsschule für verhaltensauffällige Kinder in Mülheim a.d. Ruhr nicht selten Programm. Viele haben Probleme mit Regeln und Gruppenverhalten. Hier lernen sie mit ihren Gefühlen – Aggressionen, Trauer, Angst – umzugehen und über sie zu reden. Eine Frau, die ihnen diese Kompetenzen vermittelt, ist Miriam Yenmez. Die 29-jährige ist Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin. Seit zwei Jahren arbeitet sie hier im offenen Ganztagsbereich, einer Einrichtung, die sie selbst mit gegründet hat.

Ihr Arbeitstag beginnt um acht Uhr mit zwei Stunden Unterrichtsbegleitung. Nach der Pausenaufsicht bereitet Miriam Yenmez die Nachmittagsaktivitäten vor. Außerdem muss sie Absprachen mit ihren KollegInnen treffen und Elterngespräche führen. Auch Elternberatung in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt gehört zu ihren Aufgaben. Mittags treffen die ersten Kinder ein, auf das gemeinsame Essen folgen die Hausaufgabenbetreuung und ein Nachmittagsprogramm in verschiedenen Arbeitsgemeinschaften. Nach einer halbstündigen Abschlussrunde im Gruppenraum gehen die Kinder um vier Uhr nachmittags nach Hause. Anschließend besprechen Yenmez und ihre KollegInnen den vergangenen Tag, danach haben auch sie Feierabend.

Studiert hat Miriam Yenmez an der Evangelischen Fachhochschule Bochum, die sie als "Charakterbildungsstätte" bezeichnet. Die persönliche Entwicklung ist für die Arbeit im sozialen Bereich von großer Bedeutung. Das praxisorientierte Studium ist breit gefächert. Soziologie, Psychologie, Sozialpolitik, sowie medizinische und theologische Themen stehen auf dem Lehrplan. Die Studierendenzahlen sind niedrig, entsprechend individuell fallen Studiengestaltung und Betreuung aus. Miriam Yenmez hat sich schwerpunktmäßig mit feministischen Themen beschäftigt. In ihrer Freizeit stand sie unter anderem in "Die Vagina Monologe" am Musischen Zentrum der Ruhr-Uni auf der Bühne.

Als Praktikantin war sie in einem Kinderheim in Moskau tätig, in einem Reha-Zentrum sowie einer Einrichtung für Straßenkinder in der Türkei, und auch in Wohnstätten für Behinderte bei Paris und in Schottland. Den direkten Bezug zu den Menschen mit denen Miriam Yenmez jetzt arbeitet musste sie zwar erst in der Praxis erarbeiten, die vielen Berufspraktika und Supervisionen im Studium haben sie jedoch fit für den Beruf gemacht.

Auf das Studium folgte ein Anerkennungsjahr in einer Gesamtschule. Dort leitete sie eine Arbeitsgemeinschaft für Mädchen mit Migrationshintergrund: "Diese Mädchen kamen zum Teil aus Elternhäusern mit sehr traditionellen Wertvorstellungen. Sie wurden in ihrem Freizeitverhalten viel stärker eingeschränkt als Jungen. In unserer AG ging es darum, Individualität zuzulassen, Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein zu erwerben."

An ihrem jetzigen Arbeitsplatz beschäftigt sich Miriam Yenmez mit Jungen. Abwesende oder überforderte Eltern und falsche Vorbilder machen den Kindern zu schaffen. Yenmez begegnet ihnen ruhig und konsequent, mit Wärme, Humor und einer Menge Energie. Besonders oft fehlt eine Vaterfigur, deshalb arbeiten in der offenen Ganztagsschule immer ein Mann und eine Frau mit einer Gruppe von Kindern. "Mein Kollege kümmert sich zum Beispiel um die Küchenarbeiten – damit die Jungen lernen, dass das nicht nur Frauensache ist", erklärt die Sozialpädagogin. Welche Unterschiede hat sie im Vergleich bei ihrer Arbeit mit Mädchen und Jungen beobachtet? "Die Arbeit mit Jungen verlangt sehr klare Strukturen, sie brauchen eine 'Rangfolge', an die sie sich halten müssen. Mädchen sind anscheinend nicht so sehr auf diese Strukturen bedacht", meint sie. Außerdem sei die Freizeitgestaltung mehr darauf konzentriert, Kräfte auszuagieren: "Am Anfang habe ich mich damit etwas schwer getan, nicht in Ruhe am Tisch etwas zu arbeiten. Aber nun bin ich glücklich, dass die Kinder so viel mitnehmen, wenn wir Ausflüge in die Natur machen. Es ist wie Medizin, wenn sie sich im Wald austoben", freut sich Yenmez. "Sie sind gleich viel entspannter und weicher in ihrem Verhalten." Als Tendenzen beobachtet sie: "Jungen tragen ihre Aggressionen stärker nach außen, da dies gesellschaftlich eher akzeptiert wird. Mädchen hingegen richten ihre Wut stattdessen gegen sich selbst oder setzen andere indirekt unter Druck." Doch überwiegend sind es Jungen, die verhaltensauffällig werden. Deshalb möchte Miriam Yenmez vor allem Männer ermutigen, sich in sozialen Berufen zu engagieren. Doch die schrecken meist davor zurück, da Bezahlung und Prestige ihnen zu niedrig sind. Obwohl soziale Arbeit eine unersetzliche Stütze unserer Gesellschaft ist, erfährt sie längst noch nicht die Wertschätzung, die sie verdient – auch in materieller Hinsicht. Miriam Yenmez stellt dennoch fest: "Was man von den Kindern zurückbekommt, wenn man ihr Vertrauen erworben hat, ist unbezahlbar."

Ausgabe Dezember 2008

 

 

Video - Das Gesicht 2010

Video - Das Gesicht 2009