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Porzellanklinik Bochum

Birgit Schreyger restauriert Raritäten aus dem weißen Gold

Das kleine Ladenlokal in der Wielandstraße 111 in der Nähe des Stadtparks ist so unscheinbar, dass man es leicht übersehen könnte. Hinge da nicht ein mit aufwendigem Dekor gestalteter, allerdings deutlich beschädigter Porzellanteller im Fenster. Und weiter unten das schlichte Schild "Porzellanklinik". Hier also befindet sich die Werkstatt von Birgit Schreyger, einer der wenigen Porzellankitterinnen, die es in Deutschland noch gibt.

Ich öffne die weiß lackierte Holztür. Ein helles Glöckchen erklingt. Mir ist als trete ich in eine längst vergangene Zeit. Der Raum ist wenig beleuchtet, beinahe etwas düster. Das spärliche Mobiliar - ein kleiner Kassentisch, zwei Stühle, rechts und links einfache Holzregale, ein alter Spiegel – sind angenehm antiquiert und erinnern mich an meine Kindheit in den frühen Nachkriegsjahren. Mein Blick wandert zu den Regalen. Dort stehen allerhand Gegenstände aus wertvollem Porzellan, Glas, Steinzeug, Keramik - leider alles mehr oder weniger stark demoliert. Künstlerisch dekorierte Sammelteller, prächtige Schalen, auch große und kleine Einzelfiguren und Figurengruppen - als wären sie soeben der Mottenkiste entstiegen. Verschnörkelte Tassen, voluminöse Vasen, üppige Lampenfüße. Jedes Teil eine kleine Kostbarkeit, deren morbider Charme mit dem altmodischen Ambiente von Anno dazumal eine harmonische Einheit bildet.

Die in irisierendem Blau schimmernde Jugendstilvase mit dem grazilen Rankwerk aus Bronze zieht als erste meine Aufmerksamkeit auf sich. Oder ist es die pompöse Schale mit den verspielten Rokkokofiguren, von denen eine ihren Arm eingebüßt hat? Oder doch das hübsche kelchförmige Milchkännchen mit dem schmalen Kobaltband und der feinen Goldbordüre? Ein Jammer, dass an der Schnauze ein Stück herausgebrochen ist! Ob man das je wieder reparieren kann?

"Hallo." Birgit Schreyger tritt durch eine schmale Tür in den Laden. Sie stellt eine grell-bunte Tierfigur – zwei kämpfende Hähne - in eines der Regale und wischt sich die Hände an der Arbeitsschürze ab. Mit ihrer zierlichen Figur und ihrer zarten Stimme wirkt sie beinahe ebenso zerbrechlich wie die angeschlagenen Gegenstände um sie herum. Und als hätte sie meine Gedanken gelesen: "Für manchen Besitzer bricht eine Welt zusammen, wenn solch ein Erb- oder Sammlerstück zu Bruch geht. Nicht nur wegen des materiellen, sondern vor allem wegen des damit verbundenen ideellen Wertes. So etwas wirft man nicht einfach weg, nur weil es eine Macke hat." Und weil man es auch nicht mehr nachkaufen kann, bringt man es in die Porzellanklinik. Ein Lächeln huscht über das Gesicht der erfahrenen Restauratorin: "Solange Porzellan und Glas zerbrechen, wird mein Handwerk nicht aussterben."

Birgit Schreyger ist gelernte Glas- und Porzellanmalerin. Nach dem Abitur hatte sie zunächst in Bochum und Berlin Germanistik und Kunstgeschichte studiert. Um etwas Praxis in die dröge Theorie zu bringen, jobbte sie in den Semesterferien in einer Essener Porzellanrestauration. Und weil sie ihre Sache nicht nur ausgesprochen gut machte sondern auch viel Talent für das künstlerische Handwerk mitbrachte, bot man ihr dort eine Lehrstelle an. Die frustrierte Studentin überlegte nicht lange und sattelte um – vom Hörsaal in die Werkstatt. Ein Schritt, den sie bis heute nicht bereut hat. "Vom Kunstgeschichtsstudium habe ich mir das Gefühl für Ästhetik bewahrt. Und auch den Blick für Stil- und künstlerische Epochen. Das kommt meiner heutigen Arbeit natürlich zugute." Und Birgit Schreyger genießt es, mit solch schönen und seltenen Kunstobjekten manuell umzugehen zu können. "Das Modellieren und Gestalten, das Malen macht mir wirklich viel Freude. Je fummeliger die Arbeit um so besser. Und natürlich begeistern mich auch die Geschichten, die mit den einzelnen Teilen verbunden sind."

Birgit Schreyger bückt sich und kramt aus einem mit Zeitungspapier vollgestopften Karton eine Keramik-Madonna hervor. "Diese Figur gehörte einer Frau, deren Haus im Krieg bei einem Bombenangriff in Schutt und Asche gelegt wurde. Die Madonna hat das wie durch ein Wunder unversehrt überstanden und ist heute in Besitz der Enkeltochter. Dort hat sie kürzlich durch ein Mißgeschick den Teil eines Armes eingebüßt, den ich restaurieren werde." Wir gehen in die kleine Werkstatt im hinteren Teil des Ladens. Auch hier stehen dicht bei dicht die diversen Reparaturaufträge – ein bunter Querschnitt durch die vielen Epochen dieses Kunsthandwerks. Eine barocke Teekanne, der ein Henkel fehlt, eine verspielte Figurengruppe aus dem Rokoko mit abgesplitterten Körperteilen, eine angeschlagene Tasse aus dem Biedermeier und ein zerbrochener Jugendstil-Aschenbecher. Sogar ein Teller aus China, dem Ursprungsland des Porzellans, in den klassischen Blau- und Rottönen, und eine Buddhafigur aus Alabaster sind dabei.

Auf dem Arbeitstisch steht eine mit Blumen, Ranken und Figuren verschnörkelte Terrine. Darum herum allerhand Werkzeug: Schmirgelpapier, Feile, Spatel und Skalpell, einige Fläschchen mit verschiedenen Flüssigkeiten, außerdem jede Menge Tiegelchen mit Farben, etliche Pinsel, ein Paket Gips und weiche Lappen. Nicht zu vergessen: ein Tier- und ein Pflanzenlexikon. Birgit Schreyger: "Beim Rekonstruieren von Blumen- oder Tiermotiven schaue ich gern in die entsprechenden Nachschlagewerke, um die Feinheiten eines Blattes beispielsweise besser zu erkennen."Für die Reparatur dieses Auftrags ist das allerdings nicht nötig. Ein sehr gutes Auge, künstlerisch-manuelle Fertigkeiten und natürlich viel handwerkliches Geschick braucht allerdings jedes Teil. Ebenso die gründlichen Vorarbeiten: Mit Spatel, Pinsel und Lösungsmitteln entfernt Birgit Schreyger zunächst vorsichtig Verschmutzungen, Fremd- und Klebstoffe an den Bruchstellen der beschädigten Teile. Danach beginnt die zeitintensive Kleinarbeit. "Den Kopf wieder dauerhaft anzubringen, nachzuschleifen und zu bemalen - das wird in diesem Fall nicht so schwierig." erklärt sie mir. "Aber das Nacharbeiten und Modellieren von fehlenden Originalteilen ist sehr mühsam und erfordert viel Zeit und Ruhe. Einen Arm zu rekonstruieren – dafür braucht man schon einen halben Arbeitstag." Beinahe liebevoll streicht Birgit Schreyger mit der Hand über das hauchdünne Material.

Auch das abschließende Übermalen mit Originaldekor oder -motiven darf man nicht unterschätzen. Es erfordert viel Erfahrung, um Form und Farbe exakt an die Originalteile anzupassen. Nur wenn das gelingt, wird die restaurierte Terrine wieder aussehen als hätte sie die Porzellanmanufaktur gerade erst verlassen. "Weiß ist übrigens die häufigste, aber eben auch die schwierigste Farbe. Denn jede Manufaktur hat ihren charakteristischen Farbton. Transparent, glänzend, seidenmatt oder matt. Elfenbein oder Schneeweiß. Das macht man nicht nebenbei und auch nicht mal eben zwischendurch." Deshalb ist die Porzellanklinik für Kundenverkehr auch nur an drei Nachmittagen in der Woche geöffnet. Nur so kann die Restauratorin ungestört und konzentriert bei ihrer pingeligen Arbeit bleiben. Und das erklärt natürlich auch, warum der Kunde mitunter etliche Wochen warten muss, bis er das geliebte Objekt wieder abholen kann.

Ausgabe 12. 2007

 

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